"Österreich ist einfach flexibler"

21. Jänner 2004, 19:45
37 Postings

Immer mehr deutsche Betriebe investieren verstärkt in ihre österreichischen Standorte - sehr zum Leidwesen der deutschen Politik

Reichersberg/München - Während in Österreichs Wirtschaft die geplante Senkung der Körperschaftssteuer als "Standortsicherung" gefeiert wird, haben deutsche Firmen offenbar schon länger Steuervorteile in der Alpenrepublik. Deutsche Medien berichten seit einiger Zeit immer wieder über deutsche Unternehmen, die stärker in Österreich - oft nur einen Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt - investieren und Arbeitsplätze verlagern.

"Nur ein Schild an einem Sandweg neben drei Apfelbäumen weist auf die Baustelle für das geplante Logistikzentrum des bayerischen Modekonzerns Escada im österreichischen Reichersberg hin. Viel Aufhebens macht das Unternehmen um seine Investition 8 Kilometer hinter der deutschen Grenze nicht. Doch wo jetzt Bagger den Boden aufreißen und Lastwagen Schutt wegfahren, sollen im Herbst mehr als 100 Arbeitsplätze entstehen - die aus dem Münchener Großraum in die Alpenrepublik verlagert werden", schreibt Reuters-Mitarbeiter Ulf Laessing in einem Hintergrundbericht.

Escada sei nicht das einzige deutsche Unternehmen, das in jüngster Zeit in Österreich investiert: "BMW steckt weitere 500 Mio. Euro in den Ausbau der Dieselmotoren-Produktion in Steyr und der Chipkonzern Infineon verlegt die Chefetage des Bereichs Automobil- und Industrie-Elektronik nach Villach".

Kräftige staatliche Hilfe

Verlagerte die Industrie in den vergangenen Jahren Produktionen ins billigere Osteuropa oder Asien, so macht Deutschland nun auch das nicht minder wohlhabende Österreich zu schaffen - mit kräftiger staatlicher Hilfe: Das österreichische Wirtschaftsministerium werbe um deutsche Firmen gerade aus dem benachbarten Bayern, was für politischen Streit sorge.

Die staatliche Austrian Business Agency (ABA) spreche gezielt deutsche Firmen an, um sie zu Investitionen zu überreden, heißt es in dem Bericht weiter. Dabei stünden in die Krise geratene Konzerne wie Escada, der ein Fünftel seiner Stellen streicht, ganz oben auf der Liste. "Die Lohnstückkosten sind bei uns 20 Prozent billiger, das Arbeitsrecht flexibler und die Bürokratie weniger", sagt ABA-Chef Rene Siegl zu Reuters, der von 900 Kontakten mit deutschen Unternehmen berichtet.

"Uns hilft die Berliner Politik, die Österreicher sind reformfreudiger", sagt Siegl unverblümt. Auf ihrer Website wirbt die ABA mit den angeblichen Vorteilen des Nachbarn: Längere Jahresarbeitszeiten, geringere Lohnkosten, keine Gewerbesteuer, eine einheitliche Körperschaftssteuer von - noch - 34 Prozent und Baugenehmigungen schon in drei Monaten. Escada-Chef Wolfgang Ley sind vor allem die tariflichen Arbeitszeiten ein Dorn im Auge: "Wir müssen auch samstags und sonntags arbeiten können. Das ist in Österreich leichter. Österreich ist einfach flexibler."

2003: 24 Investitionen aus Deutschland

Wie viele Arbeitsplätze nach Österreich verloren gehen, sei kaum zu erfassen. Die ABA berichte von etwa 24 Investitionen aus Deutschland 2003. Die Firmen reden laut dem Bericht ungern über das Thema und betonen, es würden vor allem bestehende Standorte ausgebaut - etwa bei Infineon und dem Autobauer BMW, die insgesamt über 5.000 Mitarbeiter in Österreich haben.

"Wir sind da schon seit den 70er Jahren und bauen den Standort Steyr aus", sagt ein BMW-Sprecher. Bei einem anderen Konzern wolle man am liebsten gar nichts zu dem Thema Österreich sagen, "um nicht Öl ins Feuer zu gießen". Ein Escada-Sprecher sagt, das Zentrum habe sowieso gebaut werden müssen und Mitarbeiter könnten umziehen. "Uns geht es nicht vorrangig um den Lohn, das Lohnniveau ist in Österreich in etwa gleich", versichert Ley.

"Wir machen Vorschläge, suchen Grundstücke und bemühen uns um Genehmigungen", beschreibt Siegl die weitreichenden Dienstleistungen der ABA. Für Escada habe die ABA eine Baufirma gesucht, die eine Anlage in Reichersberg in Oberösterreich hinter Passau konzipiere. Das Gewerbegebiet liegt an der Autobahn Passau-Linz. Zur Grenze ist es nur eine Ausfahrt, was auch den Vorteil hat, dass deutsche Mobilfunknetze hier noch funktionieren. Die Landesregierung und das örtliche Arbeitsamt helfen, Mitarbeiter zu finden und zu qualifizieren.

"Mogelpackung"

In Bayern verfolgt man die Werbeoffensive des Alpenlandes laut der Meldung mit immer lauterem Grollen. Wirtschaftsminister Otto Wiesheu spricht von einer "Mogelpackung", weil Österreich weniger innovativ sei und den Firmen etwas vorgaukele. "Der Schuss wird nach hinten losgehen", sagt Wiesheu, Aber der Minister sieht auch dringenden Reformbedarf, um weitere Firmenverlagerungen zu verhindern: "Einige leben noch viel zu gemütlich." (APA/Reuters)

Share if you care.