Lindh-Prozess in Stockholm : "Innere Stimme" zwang zum Mord

14. Jänner 2004, 19:52
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Ansturm wie auf ein Rockkonzert - Gericht verbietet Radio-Übertragung des Verfahrens um den Mord an der schwedischen Außenministerin

Stockholm - Die minderjährigen Söhne der ermordeten schwedischen Außenministerin Anna Lindh und deren Witwer Bo Holmberg haben am Mittwoch zum Auftakt des Prozesses gegen den angeklagten Mijailo Mijailovic Schadensersatz verlangt. Die als Nebenkläger auftretenden, aber im Stockholmer Gerichtssaal selbst nicht anwesenden Hinterblieben erklärten über eine Anwältin, sie lebten seit dem Anschlag in einem andauernden Schockzustand, der wie ein "einziger langer Tag" wirke.

Über die 13 und 9 Jahre alten Kinder hieß es, sie würden durch die überwältigende öffentliche Aufmerksamkeit auch jetzt noch jeden Tag daran erinnert, dass ihre Mutter tot ist. Holmberg hält sich während der dreitägigen Verhandlung mit seinen Söhnen zu verlängerten Weihnachtsferien in Südafrika auf.

"Inneren Stimme" zwang zum Mord

Der mutmaßliche Mörder der schwedischen Außenministerin Anna Lindh hat am Mittwoch vor Gericht den Zwang einer "inneren Stimme" als Grund für seine Tat bekräftigt. Dem 25- jährigen Schweden Mijailo Mijailovic wird vorgeworfen, die sozialdemokratische Politikerin am 10. September letzten Jahres mit zehn Messerstichen bei einem Kaufhausbesuch getötet zu haben.

Der Sohn serbischer Zuwanderer sagte wörtlich: "Als ich auf dem Weg aus dem Kaufhaus war, sah ich Anna Lindh. Ich hörte eine innere Stimme, die mich aufforderte, sie anzugreifen. Ich bin hingegangen, habe aber nicht bewusst irgendwohin gezielt." Nach der Tat vor zahlreichen Augenzeugen sei er in Panik geflüchtet.

Die 46-jährige Lindh wurde mit einem Jagdmesser zehn Mal in Bauch, Brust und Arme getroffen. Zur Vorgeschichte meinte der als psychisch stark gestört geltende Mijailovic, er habe in der fraglichen Zeit an Verfolgungswahn gelitten und mehrfach vergeblich stationäre psychiatrische Hilfe erbeten. Nach seiner Rückkehr in die Wohnung der Mutter in einem Stockholmer Vorort habe er die Nachrichten gehört und gehofft, dass Lindh überleben würde.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem wegen Gewalttaten vorbestraften Angeklagten vor, dass er den Mord etwa eine Viertelstunde lang geplant und bewusst ausgeführt habe.

Gericht verbietet Radio-Übertragung

Das Stockholmer Amtsgericht hat am Mittwoch die Direktübertragung des Prozesses um die Ermordung von Außenministerin Anna Lindh vorerst untersagt. Es entsprach damit einem Antrag des Angeklagten Mijailo Mijailovic, der die schwedische Ministerin am 10. September letzten Jahres erstochen hatte.

Mijailovic wollte seine für den Nachmittag vorgesehene Aussage über Einzelheiten der Tat nur machen, wenn die grundsätzlich nach schwedischem Recht mögliche Direktübertragung nicht stattfinde. (APA)

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    Der Ansturm auf den Prozess ist überwältigend

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