Europa setzt in Wechselkursfrage USA unter Druck

19. Jänner 2004, 11:38
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Schröder zeigt sich besorgt - Greenspan demonstriert Gelassenheit

Berlin - Die Regierungen der Euro-Zone verstärken ihren Druck auf die USA, gemeinsam den rasanten Kursanstieg des Euro zum Dollar zu bremsen. US-Notenbankchef Alan Greenspan demonstrierte bei einem Besuch in Berlin dagegen Gelassenheit über das hohe US-Leistungsbilanzdefizit, das als Hauptgrund für die Dollar-Schwäche gilt.

Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder äußerte auf einem Treffen mit Greenspan am Dienstag Sorge über die jüngste Aufwertung der Gemeinschaftswährung, wie aus informierten Kreisen verlautete. Greenspan warnte auf einer Bundesbank-Veranstaltung in Berlin jedoch vor übereilter Einflussnahme auf die Märkte. Frankreichs Finanzminister Francis Mer verlangte, die Finanzminister der sieben wichtigsten Industrienationen (G7) müssten den Devisenmarkt auf die Gefahren seines aktuellen Trends hinweisen. Volkswirte erwarten angesichts der Differenzen zwischen Europa und den USA aber nicht, dass es dazu beim nächsten G7-Treffen Anfang Februar kommt. Zugleich wächst der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), dem Euro-Höhenflug entgegenzusteuern.

"Nicht ohne Sorge"

"Der Kanzler hat deutlich gemacht, dass er diese Entwicklung nicht ohne Sorge sieht", erfuhr Reuters am Dienstag nach dem Gespräch Schröders mit Greenspan aus informierten Kreisen. Die Gemeinschaftswährung hat im vergangenen Jahr gegenüber dem Dollar rund 20 Prozent an Wert gewonnen. Der anhaltende Kursanstieg beeinträchtigt die Exportchancen der Unternehmen aus der Euro-Zone und nährt damit Befürchtungen, dass die allmähliche Konjunkturerholung gestört werden könnte.

Greenspan wollte sich auf Nachfragen nicht zu den aktuellen Wechselkursbewegungen äußern. Der Notenbank-Chef plädierte dafür, den Abbau des Leistungsbilanzdefizits den Märkten zu überlassen und mahnte zur Vorsicht bei dem Versuch, auf die Devisenmärkte Einfluss zu nehmen. Es bestehe sonst die Gefahr, dass es zu unerwarteten Entwicklungen komme. Greenspan äußerte sich zuversichtlich, dass das Defizit im Außenhandel ohne größere Schäden für die Wirtschaft korrigiert werden könne. Entscheidend dafür sei ein hohes Maß an Flexibilität von Finanzsystemen und Wirtschaft. Der Notenbankpräsident warnte deshalb auch vor aufkeimendem Protektionismus.

Gelassenheit

Greenspan habe damit deutlich gemacht, dass in den USA Gelassenheit über das Leistungsbilanzdefizit herrsche, sagte der Chef-Volkswirt der DekaBank, Michael Hüther. "Eine Korrektur ist unausweichlich, aber eine Dollar-Krise droht nicht."

Frankreichs Finanzminister Mer setzte sich unterdessen für eine klare Erklärung der G7-Länder gegen die anhaltende Dollar-Talfahrt ein. Bei dem G7-Treffen am 6. und 7. Februar in Florida gehe es darum, den Märkten ein klares Signal zu geben, dass die gegenwärtige Entwicklung an den Devisenmärkten zu sehr ernsten wirtschaftlichen Ungleichgewichten führen könne.

Keine Einigung erwartet

Analysten rechnen aber wegen der Interessenkonflikte der drei großen Währungsblöcke nicht mit einer Einigung in der Wechselkursfrage. "Von dem G7-Treffen erwarte ich nichts", sagte Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der BayernLB. Analysten zufolge kommt der US-Regierung angesichts der Präsidentenwahl im November der Kursrückgang des Dollar gelegen, da er die heimische Exportwirtschaft wettbewerbsfähiger macht und den Aufschwung unterstützt. Japan und andere asiatische Länder wälzen bisher die Hauptlast der Dollar-Abwertung auf den Euro-Raum ab, indem sie einen Anstieg ihrer Währungen zum Dollar durch Interventionen oder Wechselkursbindungen verhindern.

Schröder verdeutlichte zudem, dass er die EZB in Sachen Euro am Zuge sieht. Er hoffe, dass die Zentralbank sich ihrer Verantwortung bewusst sei. Belgiens Finanzminister Didier Reynders sagte, die EZB werde handeln müssen, wenn der Euro Kurse von 1,30 Dollar erreiche. Die Gemeinschaftswährung hatte am Montag knapp unter 1,29 Dollar ein neues Rekordhoch markiert. Nach den Warnungen von EZB-Chef Jean-Claude Trichet vor "brutalen" Wechselkursbewegungen war der Kurs jedoch wieder gefallen. Am Dienstagabend notierte er mit 1,2750 Dollar.(APA/Reuters)

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