Tugendbold im Spiegelstadium

18. Jänner 2004, 20:26
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Molières "Menschenfeind" in den Pariser Bouffes du Nord reflektiert die Hartherzigkeit unserer Gesellschaft in einem Kabinett voller Spiegel

Stéphane Braunschweigs Inszenierung von Molières "Menschenfeind" in den Pariser Bouffes du Nord reflektiert die Hartherzigkeit unserer Gesellschaft in einem Kabinett voller Spiegel. Die akklamierte Produktion wird nach einiger Zeit auch in der französischen Provinz gezeigt.


Paris – Stéphane Braunschweig, Leiter des Staatlichen Theaters Straßburg und dank Berliner und Frankfurter Theater- und Operninszenierungen auch im deutschen Sprachraum ein viel gefragter Regiestar, präsentiert in den Pariser Théâtres des Bouffes du Nord seine Vision des Molièreschen Menschenfeinds: die eines neurotischen, masochistischen Weltverbesserers, der keine Konzessionen macht und der vergnügungssüchtigen Gesellschaft am absolutistischen Hofe Ludwig XIV. den Moralspiegel unerbittlich vorhält – in dem er sich natürlich auch selbst widerspiegelt und seine eigenen Widersprüche reflektiert.

Braunschweig, dessen Inszenierungen immer sprachlich und gedanklich durch sein eigenes Bühnenbild untermauert werden, löst diese Widerspiegelungsthese mit einer Spiegelkonstruktion, die zu Beginn des Stückes den gesamten Bühnenrahmen ausfüllt, dann im spitzen Winkel den Durchblick verstellt und die Personen mehrfach widerspiegelt. Ein doppeltes und dreifaches Spiel, in das die Zuschauer miteinbezogen sind, da sie ihre Silhouetten im Spiegel des Kulttheaters von Peter Brook und Stéphane Lissner (dem zukünftigen Musikmanager der Wiener Festwochen) ebenfalls wiedererkennen.

Dank extremer Ökonomie der Bühnenmittel konzentrieren sich Braunschweig und seine Akteure auf das körperliche Spiel. Zwei Sessel stehen vor der enormen Spiegelfläche zu Beginn, auf denen der spartanische Menschenfeind Alceste (Claude Duparfait) und sein realistischer Freund Philinte (Thierry Paret) Platz nehmen. Graue Anzüge, ein rotes und ein grünes T-Shirt versetzen die Hofetikette des 17. Jahrhunderts in die Gegenwart.

Die beiden streiten darüber, wie man den Mitmenschen gedeihlich begegnet: Der egozentrische Menschenfeind predigt Wahrheitsfindung, Aufrichtigkeit und konzessionslose Auseinandersetzung, koste es, was es wolle. Sein charmanter Freund Philinte vertritt dagegen die Anpassungstheorie, rät ihm, die Höflinge nicht pausenlos vor den Kopf zu stoßen.

Nervöse Moralität

Alceste, dessen Körper andauernd in nervöser, tänzelnder, sich leicht windender Bewegung bleibt, schnuppert an einem Blumenbouquet, das er seiner heiß geliebten Célimène überreichen möchte – obwohl ihn Philinte vor der Oberflächlichkeit, Flatterhaftigkeit und Koketterie dieser zwanzigjährigen Witwe, die endlich ihr Leben genießen möchte, warnt. Alceste ist jedoch so vermessen zu meinen, er könne die Geliebte überreden, sich mit ihm von der oberflächlichen Hofgesellschaft zurückzuziehen: Sie solle mit ihm „in die Wüste“ – also in ein soziales „no man’s land“ – gehen.

Célimènes Riesenbett steht in der Folge vor den nunmehr schräg gestellten Spiegeln, Alceste sitzt redend mit nacktem Oberkörper und barfuß nach dem ersten „Akt“ auf einem Sessel, während sich die kindlich schlanke Célimène (Maud Le Grévellec) noch im Bett räkelt. Dorthin springt auch die plötzlich hereinbrechende Hofgesellschaft der Marquis, Célimènes Verehrer und Alcestes Rivalen.

Letztendlich dreht sich alles ums – und im – Bett. Einer dieser Marquis, Oronte (Philippe Girard), hatte unseren Menschenfeind Alceste gebeten, ein Sonett zu beurteilen, das er an seine Geliebte schrieb. Erbarmungslos weist Alceste den anderen (der sich später als sein Rivale herausstellt) auf seine Dummheit und mangelnde Sprachbeherrschung hin. Oronte ist eine Art Elvis Presley mit Rockerbewegungen, was ihm die Lacher im Publikum sicherstellt. Bei der finalen Auseinandersetzung zwischen dem Menschenfeind, seinem Rivalen Oronte und der flatterhaften Célimène, die sich zwischen den beiden (oder überhaupt) entscheiden soll, wird ein Grundproblem der französischen Bühnen deutlich: nämlich die oft mangelnde sprachliche Ausbildung der Schauspieler, die der Höhepunktszene nicht gewachsen sind. Der Célimène der Maude Le Grévellec mangelt es an Kontur, an Stimme, an Persönlichkeit. Aber Claude Duparfait in der Hauptrolle hält seine kauzige Darstellung konsequent bis zum Schluss durch. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.1.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert

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