Saure Milch von Wien bis Kapstadt

18. Jänner 2004, 20:37
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Parmalat hat anrüchige Beteiligungen nach Wien verlagert

Wien - Auf Erich Müller, den Leiter der Wirtschaftsgruppe der Staatsanwaltschaft Wien, wartet eine gehörige Portion Arbeit. Die Staatsanwaltschaft hat Vorerhebungen aufgenommen, um Licht ins Dunkel rund um die österreichische Parmalat-Tochter, die Parmalat Austria, zu bringen - jenes Unternehmen, das mit 25 Prozent plus einer Aktie am österreichischen Raiffeisen-Molkereiunternehmen Nöm AG beteiligt ist.

Müller zum STANDARD: "Parmalat Österreich ist ein Rädchen in dieser Causa. Es scheint, als wären in dieser Gesellschaft Seifenblasen drin: Parmalat Italien hat anrüchige Beteiligungen an ihre Wiener Tochter ausgelagert."

Die italienische Mutter hat ihre Wiener Gesellschaft mit Sitz in der Wipplingerstraße gleichsam als Zwischenholding für ihr weltweit aufgezogenes Firmennetz benützt.

Kurzer Prozess

So ist Parmalat Austria zu 100 Prozent an zwei südafrikanischen Firmen beteiligt. Warum, zeigt ein offenbar typisches Beispiel der Geschäftsgebarung der Parmalat-Manager: Als die Wirtschaftsprüfer die Werthaltigkeit der Parmalat Food Industries South Africa in Zweifel zogen, machten die Parmalat-Chefs kurzen Prozess - und verkauften die südafrikanische Gesellschaft an die Wiener. Eine Transaktion, der sich der österreichische Staatsanwalt Müller, der zunächst einmal die Buchhaltungsunterlagen von Parmalat Austria durchforstet, widmen wird. Müller: "Wir überprüfen die Bewertung der Finanzanlagen und Beteiligungen, auch die der afrikanischen Gesellschaft. Sie ist mit 180 Millionen Euro bewertet; das werden wir genau hinterfragen."

Zudem ist Parmalat Österreich Alleineigentümerin der Curcastle Corporation mit Sitz auf den ebenso sonnigen wie steuerbegünstigten Niederländischen Antillen. Über sie ist Parmalat an diversen internationalen Unternehmen beteiligt, wobei sich der Bogen von Mauritius über Mittelamerika, Malta bis hin zu den Cayman Islands und Russland spannt. Allesamt Gesellschaften, die im Ringelreihen der Finanztransaktionen eine gewichtige Rolle gespielt haben. Staatsanwalt Müller fasst zusammen: "Das alles darf man nicht bagatellisieren. Diese Causa wird weit reichende Folgen haben."

120 Millionen Schulden

Für Österreichs Banken sind die Folgen bereits abzusehen. Parmalat Italien steht bei den österreichischen Kreditinstituten mit rund 120 Millionen Euro in der Kreide. Der Großteil davon entfällt auf das Spitzeninstitut des Raiffeisensektors, die Raiffeisen Zentralbank. Sie hat den Italienern an die zehn Millionen Euro Kredit gegeben, rund 40 Millionen entfallen auf Anleihen. Die entsprechenden Wertberichtigungen werden bereits in der Bilanz 2003 schlagend. Außerdem von der Parmalat-Insolvenz betroffen: Die Erste Bank, die um rund neun Millionen Euro bangt, sowie die die Raiffeisenlandesbank (RLB) Wien und Niederösterreich sowie Steiermark und Oberösterreich, die zusammen an die 25 Millionen Euro abschreiben werden müssen.

Für die Nöm wird die Affäre Parmalat die weitreichendsten Folgen haben. Erst 2002 hatte der Molkereikonzern unter zahlreichen Bewerbern die Italiener als strategischen Partner für seine Expansion ausgewählt. Eine österreichische Milchlösung, das Zusammengehen mit der oberösterreichischen Berglandmilch, war zuvor gescheitert. Nun sind die Karten für die Zeit nach Parmalat neu gemischt. Nur eines ist derzeit sicher: Die österreichische Milchlösung kommt nicht. (Renate Graber, DER STANDARD Printausgabe, 14.1.2004)

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