Die unersättliche Gier des Milchbarons

24. Mai 2005, 18:02
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Hunderte Briefkasten- Firmen, wütende Anleger, weltweite Jagd nach den verschollenen Milliarden - Der Skandal lässt Hollywood alt aussehen

Für Calisto Tanzi hatte zunächst alles so gut angefangen: Nach dem Tod seines Vaters gründet er 1961 eine kleine Milchfabrik in Collecchio bei Parma. 1965 bringen ihm zwei Innovationen ungeahntes Wachstum: Das schwedische System "Tetra Pak" erlaubt es, die Milch fortan in billigen Kartons statt in Flaschen auszuliefern. Und als Erster führt er auch das System, Milch mittels Hitze haltbar zu machen, in Italien ein.

1968 gibt er dem schnell wachsenden Unternehmen den Namen Parmalat und bringt es schon fünf Jahre später an die Börse.

Chaotisches Wachstum

Bis zu Beginn der 90er-Jahre war Parmalat ein erfolgreiches, mäßig verschuldetes Unternehmen mit sechs Auslandsniederlassungen. Doch dann setzte ein rasantes, kaum überblickbares, chaotisches Wachstum ein: Bald waren es 30 Niederlassungen, wobei - zumindest für einen Milch-und Joghurtproduzenten - auch ziemlich exotische Länder ins Portfeuille kamen: Mauritius, Mosambik, Swasiland, Cayman Islands, Kuba. Die Österreich-Tochter Parmalat Austria (siehe auch Artikel unten) hält beispielsweise neben der 25,1-Prozent-Beteiligung an der niederösterreichischen Nöm auch Anteile an Töchtern auf den Niederländischen Antillen, Mauritius und Südafrika.

"Er hat nie genug bekommen, er wollte immer mehr", schreiben italienische Zeitungen über Tanzi. Spätestens Ende der 80er-Jahre soll er mithilfe seines Finanzvorstandes Fausto Tonna begonnen haben, immer mehr Geld aus dem Unternehmen auf private Konten zu verschieben.

So berichtet die Herald Tribune, dass in den vergangenen Jahren allein 70 Millionen Euro an "Rabatten" von der schwedischen Tetra Pak auf die privaten Konten der Tanzi-Familie geflossen sein sollen.

Das Tanzi-System

Das System war nach dem derzeitigen Ermittlungsstand viel einfacher gestrickt als etwa der Bilanzbetrug beim US-Energiekonzern Enron. Mit billigen Scannern und Kopierern wurden Bankauszüge gefälscht. So lautete etwa ein Kontoauszug der Bank of America auf ein Parmalat-Guthaben von vier Milliarden Euro, bis zwei Tage vor Weihnachten die Bank trocken feststellte, das Konto existiere schlicht nicht.

Ein überaus enges und gut organisiertes Geflecht aus Bankern, Wirtschaftsprüfern und Politikern scheint Tanzi und seinen Finanzchef Tonna gestützt zu haben. Weltweit wurden über 100 Offshore-Briefkastenfirmen gegründet, Ermittler sprechen von bis zu 5000 Schwarzgeldkonten, die dem Parmalat-Kreis zugeordnet werden könnten.

Was mit den Geldern geschah, ist nur zum Teil geklärt: Sie flossen auf Privatkonten, wurden aber auch teilweise in Not leidende Unternehmenstöchter wie das Reisebüro Parmatours oder den Fußballclub AC Parma umgeleitet. Ermittler der Staatsanwaltschaft Mailand gehen davon aus, dass sich erst zu Jahresende 2004 das Dickicht lichtet. Ungeklärt sind auch noch künstliche Umsätze, die in den Töchtern generiert wurden.

Kuba im Milchrausch

So war aus den Bilanzen von Parmalat zu entnehmen, dass pro Jahr so viel Milch und Milchpulver nach Kuba geliefert wurde, dass jedem Kubaner pro Jahr 490 Liter Milch zur Verfügung gestanden wären - ohne, dass irgendein Wirtschaftsprüfer je den Sachverhalt hinterfragt hätte.

Auch intern wurden Fragen besorgter Mitarbeiter zur Seite geschoben. Der Exfinanzdirektor von Parmalat, Alberto Ferraris, hat am Montag den Mailänder Ermittlern berichtet, über ein Manko von mindestens 13,5 Mrd. Euro in den Firmenkassen des Milchmultis Bescheid gewusst zu haben. Ferraris, der einzige der drei Exfinanzchefs Parmalats, der nicht inhaftiert worden ist, berichtete, im vergangenen Sommer eine interne Untersuchung über die Verschuldung des Konzerns durchgeführt und sie Stefano Tanzi, Sohn von Firmengründer Calisto Tanzi, vorgelegt zu haben, hieß es nach Angaben italienischer Medien. "Ich stellte ein Manko von 13,5 Mrd. Euro fest, während in den Bilanzbüchern Schulden im Wert von 6,5 Mrd. Euro eingetragen waren", berichtete Ferraris. Stefano Tanzi habe dem Vater das Resultat vorgelegt. "Calisto Tanzi behauptete, dass die Summe, die ich angegeben habe, übertrieben war und dass die Verschuldung an die acht Mrd. Euro betrug", berichtete der ehemalige Finanzchef. Damit war die Sache abgetan.

Die Deutsche Bank, mit über fünf Prozent an Parmalat beteiligt, verkaufte mehr als die Hälfte ihrer Aktien am 19. Dezember - zwei Tage vor Bekanntwerden des Skandals und den damit verbundenen Kurseinbrüchen. (Michael Moravec, DER STANDARD Printausgabe, 14.1.2004)

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    Ihnen steht nicht nur das Wasser bis zum Hals: Parmalat-Gründer Calisto Tanzi (li.), Finanzchef Fausto Tonna (Mi.) und Sohn Stefano Tanzi - Ihnen und 18 weiteren Parmalat-Managern droht ein langwieriger Prozess und vieljährige Haftstrafen

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