Diskussion um Umbenennung der Wagner-Jauregg-Klinik

19. Jänner 2004, 18:14
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FPÖ dagegen, Grüne und antirassistisches Netzwerk dafür - Nobelpreisträger laut Historikerkommission mit NS-Vergangenheit belastet

Wien - Ihm wurde 1927 der Nobelpreis verliehen und ab 1953 zierte er den 500 Schilling-Schein: Der Mediziner Julius Wagner-Jauregg. Die Historikerkommission, die die Ehrengräber auf dem Wiener Zentralfriedhof zwischen 1938 und 1945 untersucht, kommt laut einem Bericht in der aktuellen Ausgabe des "Falters" zu einer radikalen Neubewertung seiner Person. Er habe sich in der NS-Zeit als Rassenhygieniker und Nationalsozialist hervorgetan.

Mögliche Konsequenzen

Der endgültige Bericht der Kommission wird zwar erst im Sommer vorliegen, das Urteil über Wagner-Jauregg sei jedoch bereits gefallen. "Er war ein Rassenhygieniker, der dieses Gedankengut in Österreich vor 1938 massiv propagiert hat", wird Wolfgang Neugebauer zitiert, Vorstand des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands und Kommissionsmitglied. Auch der Restitutionsbeauftragte Kurt Scholz als Vorsitzender des Gremiums stimmt dem zu: "Aus heutiger Sicht kann ich nicht empfehlen, das Ehrengrab Wagner-Jaureggs beizubehalten".

In Wien tragen außerdem ein Gemeindebau und der Wagner-Jauregg-Weg den Namen des Wissenschaftlers und seine Büste ziert den Arkadengang der Universität. Die Stadt möchte eine Entscheidung derweil zu etwaigen Umbenennungen nicht überstürzen. "Wir warten die Stellungnahme der Historikerkommission ab", so die Sprecherin von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny im "Falter". Bei Gemeindebauten oder Straßenschildern habe man es bisher meistens so gehandhabt, dass statt einer Umbenennung eine zusätzliche Tafel angebracht wurde.

"Ein gewisses Naheverhältnis zum Nationalsozialismus"

Die Frage nach der Rolle von Julius Wagner-Jauregg in der NS-Zeit ist für den Leiter der "Oberösterreichischen Landes-Nervenklinik Wagner Jauregg", Universitätsprofessor Werner Schöny, nicht neu. "Wir haben schon früher in der Ärzteschaft unserer Hauses diskutiert, ob der Name beibehalten werden soll und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass unser Spital auch weiterhin nach Julius Wagner-Jauregg benannt bleiben soll."

Denn die Leistungen von Wagner-Jauregg als Arzt seien unbestritten, er habe eine Reihe von wichtigen Erkenntnissen gewonnen, die bis heute Bedeutung haben. Auf der anderen Seite zeige die Biografie Wagner-Jaureggs, dass dieser zwar ein gewisses Naheverhältnis zum Nationalsozialismus gehabt habe, "er ist aber unseres Wissens nach kein NS-Agitator gewesen, er hat nicht an den Vernichtungen mitgewirkt und er war auch kein Judenfeind, er hat sogar jüdische Mitarbeiter gehabt", sagt Schöny. Auch der in der Wissenschaft bekannte Konflikt mit Sigmund Freud sei rein sachlich begründet gewesen, persönlich hätten sich Wagner-Jauregg und Freud respektiert. "Ich fände daher eine Umbennung unseres Hauses schade", so Schöny.

FP-Oberösterreich: Umbenennung "kommt nicht in Frage"

Der freiheitliche Landesparteiobmann Oberösterreichs, Günther Steinkellner, sprach sich in einer Aussendung am Mittwoch gegen eine Namensänderung aus, diese "kommt nicht in Frage". Wagner-Jauregg sei ein "Kind seiner Zeit" gewesen, er könne daher Ansichten gehabt haben, "die aus heutiger Sicht schwer erklärbar sind", so Steinkellner. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass deshalb seine medizinischen Leistungen "verunglimpft werden". Und Steinkellner weiters: "Im 21. Jahrhundert sollte keine Zeit mehr für Denkmalstürmer sein".

Grüne: "Steht nicht für humanes Menschenbild

Der Behindertensprecher der Grünen im oberösterreichischen Landtag, Gunther Trübswasser, forderte hingegen einen "neuen Namensgeber für die Landesnervenklinik". Denn der Name Wagner Jauregg stehe "nicht für eine zeitgemäße Psychiatrie und ein humanes Menschenbild". Trübswasser in einer Aussendung: "Wenn ein Mediziner wie Wagner-Jauregg Ziele der Eugenik und der Rassenreinheit verfolgt hat, die in letzter Konsequenz zu Euthanasie und den Morden in Hartheim geführt haben, darf er nicht Namensgeber einer modernen und aufgeschlossenen Psychiatrie sein".

Für die KPÖ Oberösterreichs ist die Umbenennung des Wagner-Jauregg-Krankenhauses und des dortigen "Wagner-Jauregg-Weges" die "logische Konsequenz aus dem Ergebnis der Untersuchung der Historikerkommission über die Ehrengräber auf dem Wiener Zentralfiredhof", wie es in einer KP-Aussendung hieß. Der Linzer KPÖ-Vorsitzende Leo Furtlehner bezeichnete in diesem Zusammenhang die Aussagen von Spitalschef Schöny als "unverständlich".

"Verhöhnung der Opfer"

Und das oberösterreichische "Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus", dem mehr als 40 kirchliche, politische und kulturelle Organisationen angehören, forderte ebenfalls die Umbenennung des Wagnerr-Jauregg-Krankenhauses. Dazu Robert Eiter, der Sprecher des Netzwerks: "Man muss bedenken, dass während der NS-Zeit in der heutigen Landesnervenklinik Behinderte ermordet wurden. Es wäre eine Verhöhung dieser Opfer, wenn die Klinik nach einem überzeugten Nationalsozialisten und 'Rassenhygieniker' benannt bliebe".

ÖVP und SPÖ: "Wenn die Erkenntnisse der Kommission stimmen ..."

Auch die Spitzenvertreter von ÖVP und SPÖ in Oberösterreich gaben Stellungnahmen ab: Sie wollten sich auf die Erkenntnisse der Fachleute verlassen.

Landeshauptmann Josef Pühringer (V) erklärte, er habe in der betreffenden Zeit nicht gelebt - aber Wagner-Jauregg sei ein Anhänger der Eugenik gewesen, wie die Wissenschaft sage. Doch er habe auch im medizinisch-wissenschaftlichen Bereich größte Verdienste erworben und sei Nobelpreisträger gewesen. Neben den Wienern, die die Sache untersuchen, werde er auch die Landeshistoriker bitten, eine Stellungnahme dazu abzugeben. Danach werde sich die Politik damit beschäftigen. Wenn die Historiker zu einem eindeutigen Ergebnis kommen, sei es ganz klar, dass man nicht an dem Namen festhalte. Doch halte er auch fest, dass die Bezeichnung des Spitals offiziell "Landesnervenklinik" laute.

Landeshauptmannstellvertreter Erich Haider (S) stellte fest, wenn die Erkenntnisse der Kommission stimmten - und davon sei auszugehen - dann müsse man daraus die Konsequenzen ziehen und das Landesspital umbenennen. (APA/red)

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