Spektakulärer Mannesmann-Strafprozess beginnt am 21. Jänner

21. Jänner 2004, 10:27
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Vorwurf der Untreue gegen Ex-Aufsichtsräte - Übernahmeschlacht zwischen Mannesmann und Vodafone tobte 2000 fast drei Monate lang

Der größten Übernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte folgt ein ebenso spektakulärer Strafprozess: Am 21. Jänner beginnt vor dem Düsseldorfer Landgericht der Mannesmann-Prozess. Die Staatsanwaltschaft wirft Prominenten der deutschen Wirtschaft - u.a. dem ehemaligen Mannesmann-Chef Klaus Esser und den ehemaligen Mannesmann-Aufsichtsräten, dem Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und dem ehemaligen IG-Metall-Chef Klaus Zwickel - Untreue oder Beihilfe zur Untreue im Zusammenhang mit der Übernahme des Konzerns durch Vodafone Anfang 2000 vor. Dabei geht es um die umstrittene Zahlung von Prämien und Pensionen in Höhe von bis zu 57 Millionen Euro.

Schlacht

Die Übernahmeschlacht zwischen der Mannesmann AG und dem britischen Mobilfunkriese Vodafone tobte fast drei Monate lang. Anfang Februar 2000 hatten die Briten den Kampf für sich entschieden. Für rund 180 Milliarden Euro über einen Aktientausch ging einer der erfolgreichsten deutschen Konzerne der 90-er Jahre in das Eigentum eines ausländischen Unternehmens über.

Aufstieg

Als der Kampf verloren schien, wurde bekannt, dass Mannesmann-Vorstandschef Klaus Esser, in der Boulevardpresse inzwischen zum "Superhirn" aufgestiegen, der Abgang mit mehr als 30 Millionen Euro versüßt wird. Insgesamt wurden knapp 57 Millionen Euro ausgeschüttet, die nach Ansicht der Ankläger illegal waren. Schnell kursiert der Vorwurf, Esser habe sich seine Zustimmung zur Mega-Übernahme abkaufen lassen.

"Absicherung"

So genannte "Golden Parachutes" (Goldene Fallschirme) sind nach Fusionen für ausscheidende Vorstandsmitglieder im angelsächsischen Raum üblich, im deutschen Aktienrecht jedoch nicht vorgesehen. Es gebe keinen Grund, 57 Millionen Euro zusätzlich zu den vertraglich geregelten Summen an ausscheidende Mitarbeiter zu verteilen, so die Kritiker der Vorgänge. Sie sehen das Konzernvermögen geschädigt, die Pflicht zu einem treuhänderischen Umgang mit Konzerngeldern verletzt.

Die Gegenseite kontert: Esser und seine Leute hätten das Vermögen der Aktionäre enorm gesteigert. Wenn jemand Leistungsprämien verdient habe, dann das Mannesmann-Management. Schließlich habe das fulminante Kurs-Feuerwerk selbst Kleinaktionären zu einigem Reichtum verholfen.

Abgespeckt

Von den Vorwürfen, die ab nächster Woche zur Sprache kommen, sind nur noch die der Untreue und Beihilfe übrig geblieben. Von Bestechlichkeit und Korruption ist in der 460 Seiten starken Anklageschrift nicht die Rede, dennoch drohen als Höchststrafe zehn Jahre Haft.

Deutsche Bank-Chef Ackermann nimmt als mächtigster Bankier Deutschlands unter den Angeklagten noch eine herausgehobene Position ein, seine Anklage wurde ohne Abstriche zugelassen. Dabei hat Ackermann im Gegensatz zu Esser von den umstrittenen Geldflüssen keinen Cent erhalten, ebenso wenig wie etwa Ex-Gewerkschaftschef Zwickel, dessen umstrittene Mitwirkung an den Beschlüssen vor allem für moralische Empörung an der Gewerkschaftsbasis geführt hatte.

Geschihte

Ihren Ausgangspunkt hatte die Schlacht der Titanen schon im Jänner 1999 genommen. Damals hatte Vodafone für 56 Milliarden US-Dollar den Konkurrenten AirTouch übernommen. Das US-Unternehmen war mit 35 Prozent an Mannesmann-Mobilfunk beteiligt. Für Branchenkenner war es nur eine Frage der Zeit, wann Vodafone in Deutschland zuschlagen werde.

Und die war gekommen, als Mannesmann-Chef Klaus Esser im Oktober 1999 Vodafone mit der Übernahme des Mobilfunkers Orange herausforderte. Mannesmann attackierte Vodafone direkt auf seinem Heimatmarkt. Esser glaubte, den Konzern durch teure Zukäufe für potenzielle Käufer uninteressant zu machen. Aber die Antwort von Vodafone ließ nicht lange auf sich Warten. Mitte November flatterte Esser ein Kaufoffert auf den Tisch. Doch Mannesmann-Vorstand und Aufsichtsrat winkten ab.

Propagandaschlacht

Das Team um Esser zeigte sich siegessicher. Doch alle Aufklärungskampagnen und Werbefeldzüge, in die beide Seiten zusammen eine Mrd. Euro investierten, halfen nichts. Auch die Suche nach einem "weißen Ritter" misslang. "Esser hätte besser daran getan, sich gleich mit Vodafone-Chef Chris Gent zu einigen", heißt es in Branchenkreisen. Anfang Februar 2000 gab der Mannesmann-Vorstand den Widerstand auf: Zu viele Aktionäre hatten sich inzwischen auf die Seite von Vodafone geschlagen. (APA)

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