Fischer: "Würde heute anders handeln"

30. Jänner 2004, 16:16
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"Falter": Der SPÖ-Kandidat nimmt erstmals ausführlich zur "Kreisky- Wiesenthal-Affäre" Stellung, die er heute "reifer" handhaben würde

Wien - In der am Mittwoch erscheinenden Ausgabe der Wiener Stadtzeitung "Falter" nimmt der Kandidat der SPÖ für die Bundespräsidentschaftswahlen, Heinz Fischer, erstmals ausführlich zu seiner Rolle in der "Kreisky-Wiesenthal-Affäre" Stellung.

"Würde anders handeln"

"Manche würden die damalige Affäre 'Kreisky-Wiesenthal' nun am liebsten in eine Affäre 'Fischer-Wiesenthal' umfunktionieren, die es nicht war", so Fischer im "Falter". Aber: "Ich würde heute anders und reifer handeln und es tut mir leid, dass ich damals keinen besseren Weg zur Bereinigung des Konflikts gefunden habe. Falls das im Wahlkampf thematisiert wird, betrachte ich es auch als Kompliment, dass man jetzt Dinge ausgräbt, die 29 Jahre zurückliegen."

Hintergrund

Beinahe dreißig Jahre ist die unrühmliche Auseinandersetzung von Bruno Kreisky mit Simon Wiesenthal nun her, bei der Kreisky nicht vor antisemitischen Untergriffen zurückschreckte: 1975 veröffentlichte der damalige Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, nach der Nationalratswahl einen Bericht über den damaligen FPÖ-Chef Friedrich Peter. Daraus ging hervor, dass dieser als Obersturmbannführer in einer SS-Einheit gedient hatte. Kreisky beschützte als damaliger Bundeskanzler seinen politischen Partner Peter. Darüber hinaus beschuldigte er Wiesenthal, mit Mafiamethoden zu arbeiten und unterstellte ihm sinngemäß, als KZ-Insasse mit der Gestapo kollaboriert zu haben.

Weltweite Besorgnis

Kreiskys Beschuldigungen zeigten bald Wirkung. Wiesenthal musste wegen zahlreicher Bombendrohungen unter Polizeischutzschutz gestellt werden, sein Büro wurde von hasserfüllten Protestbriefen überschwemmt, die gesamte Kultusgemeinde zitterte vor Übergriffen. Die Weltpresse blickte besorgt nach Österreich, Israels Ministerpräsident Jitzak Rabin verschob seinen angekündigten Staatsbesuch in Wien. Wiesenthal reagierte mit einer Klage gegen den Kanzler wegen des Mafia-Methoden-Vorwurfs. Daraufhin wollte Kreisky prompt vom Parlament seine Immunität aufheben lassen. Damit er gegen Wiesenthal "einen großen Prozess" führen könne.

Die Rolle von "Sekundant" Fischer

Fischer soll in der Angelegenheit die Rolle eines allzu "braven Parteisoldaten" gespielt haben, behaupten seine Kritiker. Der Sozialphilosoph und ehemalige Parteifreund Norbert Leser bezeichnet Fischer gar als ehemaligen "Sekundanten Kreiskys".

"Ich war nicht einmal Klubobmann, als diese Sache explodiert ist", erklärt Fischer im "Falter", "ich bin erst Klubobmann geworden, als alles schon lichterloh gebrannt hat. Alle haben damals auf Kreisky eingeredet, das sei ein Blödsinn, ein Wahnsinn, das alles vor einem Bezirksgericht auszutragen, das gehe über Jahre durch alle Instanzen." Seine Loyalität zu Bruno Kreisky sei damals sicher nicht geringer gewesen, als die des heutigen ÖVP-Klubobmannes Wilhelm Molterer zu Kanzler Wolfgang Schüssel. Er habe eben versucht, "ein loyaler Klubobmann zu sein und die Auseinandersetzung unter Kontrolle zu bekommen."

Idee eines Untersuchungsausschusses

Als Klubobmann kam Fischer dann die Idee: "Vielleicht kriegen wir den Prozess weg, wenn der gesamte Komplex in einem Untersuchungsausschuss unter Vorsitz eines VP-Abgeordneten abgehandelt wird. Dann kann das alles rasch beendet werden." Am 2. Dezember 1975 droht der SPÖ-Klub dann endgültig: "Sollte Wiesenthal seine Klage gegen den Kanzler nicht zurückziehen, werde die sozialistische Fraktion die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses gegen Wiesenthal beschließen." Der entnervte Wiesenthal lenkte daraufhin ein und der Untersuchungsausschuss wurde abgeblasen.

Entschuldigung

Parteihistoriker Norbert Leser meinte im STANDARD zur damaligen Androhung eines Untersuchungsausschusses: "Das wäre eher eine Inquisition gewesen. Dazu ist es zwar nie gekommen. Aber dafür hätte sich Fischer längst entschuldigen müssen."

Fischer selbst meint im "Falter": "Ich habe mich bei Wiesenthal nicht entschuldigt, habe aber seit meiner Präsidentschaft im Nationalrat ein gutes Verhältnis zu ihm. So, wie die Sache letztlich beendet werden konnte, war es schließlich die beste aller Varianten für das Land."

Die ausführliche Geschichte über Fischers Stellungnahme zur "Kreisky-Wiesenthal-Affäre" erscheint im kommenden "Falter".

  •  Fischer zur Affäre Kreisky-Wiesenthal von 1975: "Ich würde heute anders und reifer handeln und es tut mir leid, dass ich damals keinen besseren Weg zur Bereinigung des Konflikts gefunden habe."
    foto: standard/cremer

    Fischer zur Affäre Kreisky-Wiesenthal von 1975: "Ich würde heute anders und reifer handeln und es tut mir leid, dass ich damals keinen besseren Weg zur Bereinigung des Konflikts gefunden habe."

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