Sind so wenig Rezepte

14. Jänner 2004, 17:18
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Nach Nackerten in sämtlichen Positionen und Perspektiven sind Kochrezepte wahrscheinlich das Zweithäufigste, was man im Internet findet. Oder auch nicht

Angenommen, man hat gerade Lust dazu, eine getrüffelte Erdäpfel-Lauchterrine zuzubereiten, weiß gerade nicht, in welchem Kochbuch man danach blättern sollte, und hat außerdem eh ein Breitband-Internetz. Schaut man halt nach. Kommt auch wirklich was. Aber nicht viel. Oder noch besser: Semmelstoppelpilze. Nachdem am Naschmarkt da gerade welche aus Portugal verfügbar waren, toll aussahen und auch gar nicht so teuer waren, kaufte man halt ein Viertel Kilo. Aber was sind das für Schwammerln und was weiß die internationale Koch-Elite damit anzufangen?

Zu dem Zeitpunkt, als ich nachsah, das war so vor zwei Wochen, bestanden ungefähr 90% der ungefähr 60 Treffern aus einem Rezept namens „Pfannkuchen, gefüllt mit Semmelstoppelpilzen“, unterschiedlich aufgemacht, aber ohne große Mühe als immer von der gleichen Quelle abgeschrieben zu erkennen (auf einer Seite wurde die Quelle, Robuchon nämlich, sogar angegeben).

Okay, das Beispiel taugt heute, dem 14.1.2004, so gut wie gar nichts mehr, denn auf einmal findet google dieses Rezept nur mehr zweimal, sagt mir dafür aber ungefähr siebzig Mal, dass Semmelstoppelpilze gefährlich, böse und hoch belastet sind. Fein, jetzt hab ich sie eh schon gegessen.

Noch ärger aber mit den kürzlich ebenfalls erstmals am Markt angetroffenen Portobello-Pilzen, einer Art Riesen-Champignon mit erstaunlich aromatischen und bissfesten Qualitäten, die in den USA sehr beliebt sein sollen und deshalb eines meiner liebsten Pilz-Kochbücher einigermaßen prominent bevölkert. Suche also „Portobello-Pilze“.

934 Treffer, bei Rezept Nummer 54 kommt dann ungefähr zum ersten Mal was anderes als die „Portobello-Pilze mit Auberginen-Gorgonzola-Füllung“, die bis dahin sämtliche Treffer unter den unterschiedlichsten Adressen darstellten. Klickt man das an, kommt man auf eine mittelgut gestaltete Seite, auf der ein Stempel „geprüfte Rezepte, richtig lecker“ verspricht, was ohnehin sofort ein Grund wäre, dort nie wieder hin zu klicken, wenn diese Seite nicht unter etwa 68 verschiedenen Pseudonymen
(tolle-kochrezepte.de, 1a-rezepte.de, k-o-c-h-e-n.de, simpel-kochen.de, spezielle-krezepte.de, kochrezepte-downlowden.de, rezept-ideen.de, schoen-essen.de, kochstadt.de ...) erscheinen würde.

Frage also: Gibt’s wirklich nur so wenig Rezepte? Oder ist die Rezept-Kunde mafiamäßig organisiert? Oder schreiben die Gestalter dieser Rezept-Seiten halt einfach das eine oder andere Rezepterl ab, ohne nachzuprüfen, ob die anderen Internet-Rezeptierer vielleicht haargenau die gleichen Rezepterln abschreiben?
Fragen über Fragen.

Auf Englisch ist’s natürlich besser, eh klar, aber ich weiß halt leider nicht, was Semmelstoppelpilz auf englisch heißt (mein Marktstandler übrigens auch nicht; und nach zwei Wochen als „Semmelstoppelpilz“ verkauft er die feinwürzigen, gelben Schwammerln mittlerweile als „Eierschwamm., portugies.“), und bevor ich mich auf die Gefahr, englisch ordentlich zu scheitern, aussetzte, hab ich sie halt einfach mit Zwiebel in Olivenöl gebraten.
War eh sehr gut.

Von Florian Holzer
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Semmelstoppelpilz oder Hydnum Repandum

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