Kathedrale der Konsumgüterwelt

12. Jänner 2004, 17:54
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Am Mittwoch wird im Wiener Prater das um rund 192 Millionen Euro errichtete Messe- und Kongresszentrum eröffnet. Gustav Peichl führte bereits vorab durch die sakral anmutenden Hallen und den dreischiffigen Säulengang, der alle Gebäude miteinander verbindet

Wien – Den Grundriss seines Messe- und Kongresszentrums, das im Nordosten von der Ausstellungs- und der Vorgartenstraße begrenzt ist, diente Gustav Peichl, Architekt und Ironimus, auch als Umriss für die Karikatur eines gar sonderbaren Tieres:

Das Foyer ist ein Kopf mit langem spitzen Schnabel, das polygonale Bürohochhaus, der sich zu einem spiralartig gedrehten Turm als weithin sichtbares Wahrzeichen (96 Meter hoch) verjüngt, das herausstechende Auge, und das Kongresszentrum ist der Leib. Die vier Messehallen (eine davon Altbestand) hat Peichl nur angedeutet: als Beinchen. Und der zentrale Gang, der die Foyers A und D miteinander verbindet sowie den Zugang zu allen Baukörpern ermöglicht, ist in Peichls Zeichnung die Bauchdecke. Was wohl nicht ganz stimmen kann. Denn er ist das Rückgrat der 70.000 Quadratmeter großen Anlage.

Punkti, Punkti ...

Aber Peichl kommt es darauf an, heiter zu sein. Nicht nur als Ironimus: Auch sein Messegelände soll fröhlich, sympathisch wirken, einfach "origineller" als all die "Kisten", die überall gebaut würden. Was ihm ohne Zweifel geglückt ist. Denn das Tierchen hat die Masern: Die Dachfläche des lichtdurchfluteten Foyers ist mit großen und kleinen Punkten verziert (um die direkte Sonneneinstrahlung zu halbieren), die zusammen mit den Lamellen für "lustige" Schattenspiele sorgen.

Möbliert hat Peichl das ansonsten zackige Foyer mit den Galaxy-Fauteuils seines Freundes Walter Pichler, 1967 entworfen. Ein Klassiker, dessen gelochte Armlehnen andernorts, als kreisrunde Öffnung in der Zwischendecke des Ganges, zitiert werden. Für das Kongresszentrum, eine gewaltige, mit Esche ausgelegte Hallenbasilika (samt Empore!), wählte Peichl einen schlichten Stapelstuhl aus 1928, für die Cafés den Ameisen-Sessel von Arne Jacobson.

Denn, wie der Herr Professor sagt: "Wir" – damit meint er auch seine Partner Katharina Fröch und Christoph Lechner – "wollten modern sein, nicht modisch." Aha. Und dann nennt er den zentralen Gang einfach ganz modisch "Mall". Fast einen halben Kilometer ist er lang. Und äußerst sakral anmutend: dreischiffig, mit schlanken Säulen, Satteldach und Laternen, die Lüftungsrohre als Querbalken. Also auch schlicht. Aber immer schön symmetrisch, am Reißbrett konstruiert. Das sei Absicht gewesen, sagt Peichl. Und dann zieht er über die Kollegen her, die schräge Wände ins Stadtbild stellen.

Erhabenheit stellt sich auch in den Messehallen ein, derzeit vollgestellt mit Automobilen: Keine Blechhütten sind es, sondern Tempel mit sanft geschwungenen Kuppeln samt Laternen, die für ein wenig Tageslicht sorgen.

Peichl schreitet stolz das Spalier der Säulen und Ficus-Bäumchen ab, freut sich über die Glasflächen beiderseits. Für die Menschen habe er gebaut. Und auf Details Wert gelegt, auch auf die Beleuchtungskörper, damit die Bistros nicht wirken wie ein "Lampengeschäft", an das ihn das neue Café Museum erinnert.

Und doch: In den Verbindungsgang zwischen Mall und Bürohaus ragt eine Treppe derart hinein, dass Menschen wie Stadtrat Andreas Mailath- Pokorny den Kopf einziehen müssen, wenn sie sich kein Cut schlagen wollen.

Strichi, Strichi ...

Mitunter wirkt die gesamte Anlage (noch) ein bisschen spröde. Ob es auch Kunst am Bau geben wird? Über die Frage ist der Architekt entrüstet. Dann das, was er mache, sei ohnedies schon Kunst. Zum Beispiel die Behübschung des kreisrunden Treppenhauses im Erdgeschoss des Büroturms mit knallroten Strichcodes. Wer sie zu entziffern versteht, kann "Peichl & Partner Messe Wien neu" lesen. Oder die Reihe Blumentöpfe als Galerie in den Cafés: Wenn diese der Jeff Koons aufgestellt hätte, wäre das furchtbar teuer gekommen, sagt der Baukünstler. Aber im Ernst: für Kunst am Bau hätte das Geld gefehlt, sagt Peichl. Doch er kämpfe um eine große Skulptur für den Vorplatz, der von Paul Katzberger mit Wellenlinien im Beton verziert wurde. Um welche, daraus macht Peichl noch ein Geheimnis.

Neben der Mall wird ab 2007 die U-Bahn vorbeidonnern. Worüber sich der Architekt ganz furchtbar ärgern kann. Da sträuben sich die buschigen Augenbrauen noch eulenartiger. Wie ein Löwe habe er darum gekämpft, dass die U-Bahn unterirdisch weitergeführt werde, doch die Ignoranten der Verkehrsbetriebe hätten aus Kostengründen nicht mit sich reden lassen, führen sie auf Stelzen an seiner Kathedrale vorbei. Eine Beleidigung fürs Auge, diese Stelzen, der ganze freie Blick wird bald futsch sein.

Giften kann er sich auch, wenn ihm die Direktvergabe durch die Stadt Wien vorgeworfen wird. Aber erstens gab es einen enormen Zeitdruck (der Startschuss fiel im Jahr 2000, und bereits im Herbst 2003 mussten die Kardiologen, 25.000 Personen, ihren Kongress abhalten können). Ansonsten aber ist er hoch zufrieden. Habe er doch all das umsetzen können, was ihm vorschwebte. Er sei, sagt er, schließlich ein Streithansl. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.1.2004)

Von
Thomas Trenkler
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