Österreichs Gerichtsmedizin weltweit top

14. Jänner 2004, 08:53
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Weniger als 50 heimische Tötungsdelikte pro Jahr ungeklärt, nur wenige Morde werden "übersehen"

Wien - Jedes Jahr bleiben in Deutschland 1.200 Tötungsdelikte ungeklärt. Ursache sind gravierende Mängel in der ärztlichen Leichenbeschau, wie der Bonner Rechtsmediziner Burkhard Madea auf einem Fortbildungsforum der deutschen Bundesärztekammer in Köln kritisierte. Ganz anders sieht die Situation in Österreich aus. "Die Kollegen beneiden uns um unser System, bei uns bleiben weniger als 50 Delikte pro Jahr unentdeckt", erklärte Dr. Christian Reiter von der Gerichtsmedizin an der Universität Wien.

Während in Deutschland und in vielen anderen Ländern auch die Hausärzte und behandelnden Chirurgen die Leichenbeschau durchführen und so in Interessens-Konflikte geraten können, gibt es in Österreich "seit der Metternich'schen Zeit ein perfektes System der Supervision der Totenbeschau", so Reiter, das nur im ländlichen Bereich Lücken aufweise. "In Wien ist die Obduzierungsquote sehr, sehr hoch." In Österreich wird in jedem Fall obduziert, wenn die Todesursache unklar ist oder wenn ein Fremdverschulden nicht auszuschließen ist. Weiters gibt es - anders als etwa in Deutschland - nicht das "Recht des Verwandten auf den Leichnam". Reiter: "Dort können Angehörige die Obduktion des Toten teilweise verhindern, bei uns beschlagnahmt der Staatsanwalt die Leiche."

Österreich ist in Sachen Obduktionssystem weltweit top, so der außerordentliche Professor der Gerichtsmedizin. "Die anderen beneiden uns, allerdings beneiden sie uns nicht um die dafür anfallenden Kosten." Die Leichenbeschau wird natürlich durch Steuergelder finanziert. "Aber dafür befinden wir uns in einem Land, in dem nur wenige Morde übersehen werden", gab Reiter zu bedenken. "Das hilft natürlich auch, zivilrechtliche Ansprüche geltend zu machen."(APA)

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    In Österreich wird in jedem Fall obduziert, wenn die Todesursache unklar ist oder wenn ein Fremdverschulden nicht auszuschließen ist.

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