Mordanklage im Fall Anna Lindh: Prozessbeginn am Mittwoch

13. Jänner 2004, 13:10
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25-jähriger mutmaßlicher Täter glaubt, von Jesus für die Tat auserwählt worden zu sein

Stockholm - Vier Monate und einen Tag nach dem Tod der schwedischen Außenministerin hat die Staatsanwaltschaft in Stockholm gegen den 25-jährigen mutmaßlichen Täter Anklage wegen Mordes erhoben. Am Montag übermittelten die Staatsanwälte dem Gericht den über 1.100 Seiten starken Ermittlungsakt, dessen Inhalt damit erstmals offiziell zugänglich wurde. Schwedische Medien haben im Lauf des Tages bereits über neue Einzelheiten aus den Verhörsprotollen berichtet.

"Ich glaube, es ist Jesus"

So sagte er unter anderem aus, dass er immer wieder Stimmen höre. Zu dem Angriff auf die schwedische Außenministerin am 10. September vergangenen Jahres hätten ihm innere Stimmen den Befehl erteilt. "Sie sagten, ich solle zu ihr hingehen und zustechen", heißt es in einer Aussage. Die gleichen Stimmen hätten ihm einige Tage nach der Tat geraten, seine Kleider zu verbrennen. Wem die Stimmen gehörten, wisse er nicht, aber: "Ich glaube, es ist Jesus. Er hat mich auserwählt."

Viele Einzelheiten waren bereits im Lauf des Herbstes erstmals in den Medien, vor allem in der schwedischen Boulevardpresse aufgetaucht. Unter anderem hatten die Zeitungen "Aftonbladet" und "Expressen" bereits wenige Wochen nach dem Attentat berichtet, der 25-Jährige habe die Tat seiner Mutter und einigen Freunden gegenüber kurz nach der Tat gestanden. Ein politisches Motiv, über das sowohl in schwedischen als auch insbesondere in serbischen Medien spekuliert worden war, stritt Mijailovic laut den Protokollen mit Bestimmtheit ab: "Es gab kein Motiv, kein politisches Motiv."

Unbekannte Details

In der über 1.100 Seiten umfassenden Anklageschrift finden sich auch bisher teilweise unbekannte Details zum Tathergang: Der Täter stieß demzufolge mit dem später gefundene Mehrzweckmesser rund zehn Mal zu. Anna Lindh erlitt Verletzungen an Bauch, Brust und Armen. Die 46-jährige Politikerin starb am nächsten Tag trotz mehrstündiger Notoperation an den Bauchverletzungen. Die Polizei glaubt, dass der 25-jährige die Politikerin, die bei ihrem Einkaufsbummel mit einer Freundin und ohne Leibwächter unterwegs war, vor der Tat rund eine Viertelstunde beschattete, bevor er in der Kleiderboutique "Filippa K" auf sie einstach.

In dem Prozess, für den vorläufig drei Verhandlungstage geplant sind, kann die Staatsanwaltschaft außer dem Geständnis auf eine Reihe von als sicher geltenden technischen Beweisen zurückgreifen. Dazu gehören am Tatort gefundene DNA-Spuren sowie Blut von Anna Lindh an seiner Kleidung. Als einzige Tatzeugin soll jene Freundin der Außenministerin im Prozess aussagen, die Lindh bei dem Einkaufsbummel begleitete.

Psychiatrische Behandlung

Der mutmaßliche Täter hatte nach eigener Aussage noch kurz vor dem Messerattentat versucht, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben, habe aber keinen Arzttermin erhalten. Vor der Tat habe er drei bis vier Nächte nicht geschlafen. Die international mit Spannung erwartete Hauptverhandlung gegen Mijailovic beginnt am kommenden Mittwoch im Sicherheitssaal des Stockholmer Bezirksgerichts. Der schwedische Rundfunk und der Privatsender TV4 wollen den Ton aus dem Gerichtssaal live übertragen. Auch über Internet soll man den Hergang der Verhandlung live verfolgen können.

Die meisten der 90 Zuhörerplätze im Stockholmer Bezirksgericht sind für Journalisten aus aller Welt reserviert. Im Prozess tritt Anna Lindhs Witwer Bo Holmberg und die beiden 9 und 13 Jahre alten Söhne als Nebenkläger auf. Sie wollen Schadenersatz von Mijailovic verlangen. Holmberg und die Söhne nehmen an den Verhandlungen jedoch selbst nicht teil.

Lob

Polizeichef Sten Häckscher lobte die die Arbeit seiner Beamten als "ausgesprochen professionell und hochklassig". Nach dem für Schweden bis heute traumatisch und ungelöst gebliebenen Mord am ehemaligen Ministerpräsidenten Olof Palme hatte die Polizei mehrfach schwere Kritik einstecken müssen und war sogar selbst ins Zwielicht von Verschwörungstheorien geraten. Diesmal beschränkte sich der Wirbel auf an die Massenmedien durchgesickerte Insider-Informationen aus den Ermittlungen. Derzeit laufen in ganz Schweden Voruntersuchungen gegen 230 nicht in den Fall eingebundene Polizisten, die Daten aus den Ermittlungen aus dem internen Informationssystem der Polizei abgefragt haben sollen. (APA)

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