Das Laptop-Pilotenspiel

20. Jänner 2004, 11:21
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Ob ich, fragte P., jemanden wüsste, der einen neuen Laptop brauchen könne. Zum halben Preis...

Dafür aber mit Risiko: Es könne sein, dass der Bildschirm nach genau zwei Monaten den Betrieb einstelle. In dem Fall, so P., würde er sofort den vollen (halben) Preis rückerstatten. Und das Gerät einschicken. Ein paar Wochen später, meinte P., könne man es dann aber sicher erneut versuchen. Mit etwas Glück bekäme man sogar einen besseren Rechner geschenkt.

P. ist keiner, der komische Geschäfte anleiert. Schon gar nicht mit Freunden. Und während jeder andere den Laptop einfach verhökern würde, hat P. Skrupel. Meinen Hinweis, dass jeder, der einen originalverpackten und neuwertigen Computer eines Rennomierherstellers zum halben Listenpreis kaufe, doch wissen müsse, dass da etwas faul sein könne und dass sich P. also nicht Gedanken um die Zurechnungsfähigkeit seiner Kunden machen solle, lasse, meinte P. nur auf meinen Charakter schließen: Auch wenn jeder Computerhändler exakt das selbe Produkt ohne Warnung zum vollen Preis verkaufe – und das, versicherte mir P., sei sehr wohl der Fall – könne er das nicht. Außerdem, seufzte P., habe er mittlerweile das Gefühl, diesen Rechner nie wieder los zu werden.

New York und Amsterdam

Die Geschichte hat vor eineinhalb Jahren begonnen. In New York. P. hat sich dort einen Laptop gekauft. Schick, schlank und elegant. Weiß. Billiger als hierzulande. State of the Art und auch Design. Zwei Monate ging alles gut. Dann rief P. fluchend an: Ob er seinen Rechner an meinem Monitor anschließen dürfe – sein Bildschirm sei eingegangen, er müsse Daten retten.

Wenige Tage darauf war P. wieder happy: Ein Bote hatte seinen Laptop abgeholt, nach Amsterdam geschickt und hatte ihn keine drei Werktage später mit einem neuen Bildschirm wieder gebracht. Wir sollten, meinte P., nie wieder von den nichtexistenten Serviceleistungen unserer Billig-PC-Hersteller auf den Kundendienst anderer Firmen schließen. Zwei Monate später war das Display wieder hin.

Schneller, stärker, teurer

Als P. eine Woche später das reparierte Teil in Händen hielt, war er deutlich weniger vorlaut. Und nachdem sich – zwei Monate später – das Schauspiel wiederholte, gingen wir zum Fachhändler: P. kaufte sich einen neuen Laptop. Die gleiche Marke. Aber – Buben sind Buben – die deutlich stärkere silberne Version. Zum doppelten Preis. Den – zum dritten Mal reparierten – defektanfälligen Rechner schenkte er einem Freund aus Berlin.

Der Freund war glücklich. Zwei Monate lang. Dann wurde der Rechner nach Amsterdam geschickt. Und kam wenige Tage später – repariert – auf den Prenzlauer Berg zurück. Das wiederholte sich einige Male. Wir fanden das komisch. Eines Morgens stand dann ein Bote vor P.s Tür. In Wien: Er brachte einen Computer.

Zu wenig Speicher

Im Karton war ein nagelneuer Laptop. Weiß. P. rief seinen Freund in Berlin an. Ob der Rechner wieder einmal eingeschickt sei? Der Berliner bestätigte – und bat P. nachzusehen, ob der neue Computer die für seine Arbeit unbedingt nötige (und im alten Gerät eingebaute) Arbeitsspeichererweiterung habe. Der Baustein fehlte. Kein Problem, hieß es auf Nachfrage bei der Servicestelle, das Teil werde in Berlin umgehend und kostenlos eingesetzt.

Der Rechner musste nur noch nach Berlin. P. ging zur Post: Als Paket, stellte er fest, würde das Schicken mehr kosten, als ein Flug mit einer Billigairline. Bestimmt würde das Ding im Handgepäck besser behandelt als im Postsack - und wäre wohl schneller und verlässlicher am Käthe Kollwitz Platz.

Kulanz

Als P. aber den Berliner Freund anrief, um einen Termin zu vereinbaren, kam der vor Lachen kaum mehr zu Atem: Tags zuvor habe jemand aus der US-Zentrale des Computerherstellers angerufen. Weil er schon so viele Unannehmlichkeiten durchgemacht habe, solle er bei der Niederlassung vorbeikommen – und sich das silberne, stärkere Geschwisterchen abholen. Kostenfrei. Aus Kulanz. Wo der andere Computer sei, prustete der Berliner, habe beim Abholen niemand gefragt. P., meinte der Freund, könne jederzeit und gerne nach Berlin kommen, solle den fehleranfälligen Laptop aber tunlichst in Wien lassen: P. könne das Teil doch sicher verkaufen. Oder möge es als Bücherstütze oder Briefbeschwerer verwenden.

Die paar Tage in Berlin, erzählte P. nach dem Besuch, wären echt fein gewesen. Aber jetzt suche er nach jemandem, der ihm den Computer abnähme. Zum halben Preis und mit Rückgaberecht. Und der Option, vielleicht einen ganz neuen geschenkt zu bekommen.

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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