Der Abriss einer Sphinx

15. Jänner 2004, 11:18
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Produktion von Heiner Müllers "Der Auftrag" im Berliner Haus der Festspiele: vergebliche Liebesmüh

Im kaputtgesparten Berlin ist man dieser Tage froh über die Dauerhaftigkeit seiner unvergänglichsten Wahrzeichen. Zu diesen gehört auch acht Jahre nach seinem biologischen Ableben ein schmales Gesicht, dem eine klobige Brille Schutz und Kontur gewährten. Ein zusammengepresster Mund, aus dem bei Bedarf rätselhafte Verlautbarungen hervorquollen, die von einer Schar gläubiger Citoyens begierig aufgelesen wurden.

Im Gespräch mit Heiner Müller (1929-1995) feierte man nicht nur die Klugheit eines Dramatikers, der sich von Brecht die Pose, vom jüdischen Marxisten Walter Benjamin aber die Charaktermaske des ungerührten Propheten lieh. Müller, dessen Geburtstag sich am vergangenen Freitag zum 75. Mal jährte, schien in seinen letzten, äußerlich erfolgreichen Lebensjahren zum Ablasshändler für das notorisch schlechte Gewissen der diffus "links"-bewegten Kapitalismuskritiker geworden zu sein.

Denn je weniger Stücke Müller schrieb, desto mehr betrieb er eine intellektuelle Abrissfirma mit materialistischem Gütesiegel. Zu Lebzeiten eingesargt in das Direktionsturmzimmer des Berliner Ensembles, der Brecht-Fabrik mit dem falschen Mercedes-Stern oben drauf, stellte er anregende Vergleiche her.

Noch einmal, ein vielleicht letztes Mal, schien die Schreckensgeschichte der Aufklärung aufblasbar, handhabbar - wunderbar. Keiner vermochte so gekonnt wie Müller das Scheitern des Staatssozialismus mit Zitaten von Tacitus zu belegen. Müller gebot über den Terror wie ein wahrsprechender Glücksgott. Er sprach im Namen der Toten. Er blickte in Abgründe und blinzelte nie. Dazu drehte er, eingehüllt in die Orakeldämpfe seiner Brecht-Zigarre, der "Correctness" eine spitze, lange Nase. Wer am Abend von Heiner Müllers 75. Geburtstag in der alten Freien Volksbühne Berlin saß, wo der Starschauspieler und Regiedilettant Ulrich Mühe das Revolutionsverhinderungsstück Der Auftrag inszenierte, so beflissen lau wie ein VEB-Direktor, der die Gedenknorm brav erfüllt, der konnte etwas über das Paradoxon eines vervielfachten Todes erfahren.

Müller wird seit Jahren mehr gepriesen denn gespielt. Zwar bringt der Suhrkamp-Verlag eine Werkausgabe heraus. Im Archiv der Akademie der Künste liegt der Nachlass, voll mit Zettel und Notizen, die Müllers lebenslange Auseinandersetzung mit den Größten der Schreiberzunft - Brecht, Hölderlin - belegen. Das gigantische Hochplateau von Müllers Dramensprache, diese Meißelspuren in den Schroffen von Mord und Totschlag, scheint in rätselhafte Nebelfahnen gehüllt. In diesem Werk, in dem DDR-Traktoristen wie Shakespeare-Könige daherreden, scheint kein Anschluss an das Geplapper der Geldgesellschaft mehr möglich. Dieses so beredte, monolithische Werk schweigt sich ausgerechnet über die Gegenwart beharrlich aus.

Vollends Der Auftrag, dieses 1979 verfasste Totengedenken an das Scheitern der französischen Revolution und ihres Exports nach Übersee, wirkt als Verständigungstext über revolutionäre Globalisierung beängstigend maulfaul. Drei Abgesandte des Pariser Konvents betreten Jamaika, um die britische Kronkolonie von innen heraus zu zerbrechen. Wenn das Stück anhebt, in der Freien Volksbühne auf einem endzeitlichen Strandungsfelsen, den ein rostroter Zylinder umschließt (Bühne: Erich Wonder), ist alles schon wieder vorüber.

Elend aus dem Off

Der bretonische Bauer Galloudec (Ekkehard Schall) keucht aus dem Off die letzten, hastigen Briefzeilen seines Scheiterns und seines bevorstehenden Ablebens in die finstere Arena herüber. In Müllers Welt werden Aufträge erteilt, um sie scheitern zu lassen. Der Autor hat aber in Wahrheit auch kein Stück geschrieben, sondern eine Montage, geklittert aus lauter Begründungen, warum keine Zeit für den Umsturz reif ist, kein vernünftiger Terror möglich, warum man Verrat übt und warum man das Wohlleben der Entbehrung vorzieht.

Müllers zusammengepresster Text feiert finstere Nächte auf dem kahlen Galgenberge. In der Berliner Tourneeproduktion, die heuer noch zu den Wiener Festwochen übersiedelt, feiert ein Heer von Müller-Gläubigern, voran der Regisseur, eine Andachtsstunde. Vergessen, dass Müller seine späten Texte als Beitrag zur inwendigen Sprengung des Theaters vorschlug. Stattdessen schlägt sich eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus TV-Mimen und mehreren hochverdienten Bühnenstars wie Inge Keller durch einen fremden Bedeutungsdschungel. Ein Fernsehfräulein (Christiane Paul) gibt den "Engel der Verzweiflung": "Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus!" - Sie rezitiert, als läse sie den Verpackungstext einer Fußcreme.

Stille Glanznummer

Udo Samel, der sich als verlebter Veteran des Terrors lila Sand auf das schüttere Haardach leert, erzählt, von einer roten Schicht aus Schlick und Schlamm überzogen, die berühmte Geschichte vom Mann im Fahrstuhl: einem kleinen Angestellten, der aus einem kollabierten Aufzug mitten in das peruanische Hochgebirge entkommt. Müller, der mindestens in Jahrtausenden dachte, sprach frohgemut vom "Krieg der Landschaften". Eine stille Glanznummer Samels. Doch kein Anschluss unter dieser Nummer möglich. Ein schrecklich toter Abend wurde in Berlin als rauschender Gesellschafts-Event gefeiert. Das bisschen Mord und Totschlag regte zum Sekttrinken an.

Das Müller-Theater aber muss sich von der fröhlichen Allgegenwart der Konsumwelt erst erholen. Das kann noch Jahrhunderte dauern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 1. 2004)

Von Ronald Pohl aus Berlin
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