Der erleuchtete Sodomit

11. Jänner 2004, 20:54
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Mit Edward Albees "Die Ziege oder Wer ist Sylvia?" gelingt Regisseurin Andrea Breth im Wiener Akademietheater ein Meisterstück

Wien - Die Schlüsselfrage in Edward Albees Zwitterstück Die Ziege oder Wer ist Sylvia? fällt relativ bald wie ein unscheinbares Stück Knabbergebäck auf den hellen Boden eines todschicken Wohnlofts, in dem die leidlich glückliche Ehe eines Stararchitekten, eben noch Gegenstand neckischer Erörterungen über Treue und Vergesslichkeit, buchstäblich geschlachtet wird: "Wo warst du?" Dazu huscht Corinna Kirchhoff, als Martins (Peter Simonischek) Gemahlin Stevie ganz fest in den Charakterpanzer der gluckenden, maßlos heiteren Ehehälfte gehüllt, voller Elan Boutiquen-schick und sauber an den futuristischen Glasfauteuils vorüber.

Undenkbar, dass sich jemand in dieser fast sterilen Lebenswelt, die Susanne Raschig in das Akademietheater gebaut hat, ausgerechnet an seinem Ehepartner schneidet. Zu fortgeschrittener Stunde - Andrea Breth wird die ganze Fallhöhe einer antiken Tragödie schockartig deutlich gemacht haben - ist das Mobiliar zerstört, die Ehe vernichtet, die Kehle einer unschuldigen Ziege durchgeschnitten.

Stevie, die beste Ehefrau von allen, trompetet alle Gedanken an die mögliche Untreue ihres Mannes von vornherein großzügig aus sich heraus: mit der Selbstverständlichkeit der Königin Mutter, die über ihre häusliche Übermacht Bescheid weiß und das Elend alternder Gatten mit süßer Nachsicht quittiert.

Partnerschaftliche Konflikte werden in der langen, von Regisseurin Breth sorgfältig vorgetragenen Exposition dieses ungewöhnlichen Dramas eines verloren geglaubten Stardramatikers wie ehehygienische Tarifverhandlungen geführt: Du darfst dir Freiheiten herausnehmen, wenn du nur die Unverbrüchlichkeit unseres Vertrages auf Lebenszeit im Grundsatz achtest!

Simonischek, der ein wenig betäubt in seinem gläsernen Ehekäfig herumsteht und lümmelt wie ein sich verschmutzt habender Nachtschwärmer, gewinnt eine zusehends undurchdringliche, opake Schwere. Quittiert das Auftreten des Fernsehtalkmasters Ross (Johann Adam Oest), der ihn zu seinem glücklichen Leben im trauten Eigenheim wie ein brillanter, schmatzender Intimitätsblutsauger interviewen will (was für eine herrliche Studie!), ungehalten. Und kommt auf den Angstkern seines Daseins reichlich unvermittelt zu sprechen.

Spitzohriger Teufel

Oest setzt sich rotweinsüffelnd, mit gespitzten Teufelsohren zurecht: Und Martin erzählt von seinen Stelldicheins mit einer Ziege. Mit dem gar nie trotzigen Ernst eines Delinquenten, der um Verständnis für eine niemals liederliche Gewissensentscheidung wirbt. Simonischeks brütendes Zerkleinern der undenkbaren Wahrheit ist zurückgenommenes Theaterkunsthandwerk. Und Breths Inszenierung ein großes, erschütterndes Meisterwerk - um den Preis der Verabschiedung einer Komödie. Denn das tragische Zerbrechen Stevies, die vom Pharisäer Ross über die Sodomie ihres Mannes brieflich in Kenntnis gesetzt wird, ist ein antikes Schlachtfest, eine Abfolge kalter Explosionen.

Nicht so sehr Gott Pan spukt durch dieses Drama, sondern die Realisierung von etwas "Unmöglichem": das Brechen aller liberalen Übereinkünfte, wen oder was jemand begehren darf. An die Stelle einer Verteidigung setzt Simonischek den unschuldigen Blick der Ziege: das jäh aufblitzende Eingedenk-Werden einer quasi göttlichen Anrufung, der er nicht widerstehen kann. Und so knickt Kirchhoff in der Mitte ab, streckt und winkelt die Gesten einer betäubten Tragödin, verwüstet sie die Einrichtung, während Simonischek völlig unangefochten sein Recht auf Erleuchtung behauptet. Zwischen den Ehepartnern aufgerieben wird dabei der schwule, halbwüchsige Sohn (Philipp Hauß), der im Vater sein Oberhaupt nicht mehr wiedererkennt. So bricht der rasende Wahnsinn ausgerechnet aus einer ruhig gestellten Stelle unserer Alltagskultur wie eine Blutblase hervor. Und je mehr Worte die Teilnehmer dieser Zimmerschlacht machen, desto ungewisser scheint es plötzlich, was man zum Wesen einer "Perversion" überhaupt sagen kann oder soll. Albees Stück, in Wien nunmehr beispielhaft erstaufgeführt, handelt nicht von meckernden Grasfressern, sondern von der Unbedingtheit einer erleuchtenden Erfahrung. Das Stück Die Ziege ist seinerseits ein doppeltes Wesen: von oben bis etwa zur Mitte eine Eheboulevardkomödie, darunter ein grässliches, absurdes Tragödienlehrspiel. Rauschender Applaus. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 1. 2004)

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