An den Wurzeln des Baums der Erkenntnis

16. Jänner 2004, 12:19
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Der Philosoph Norberto Bobbio 1909-2004

Rom - "Nach all den Büchern, die ich geschrieben habe, nach all der wissenschaftlichen Arbeit stehe ich am Ende meines Lebens nur an den Wurzeln des Baumes der Erkenntnis. Der Baum selbst bleibt mir weit gehend verborgen." Es liegt keine Bitternis in dieser Feststellung des Philosophen Norberto Bobbio.

In der Kunst des Abschiednehmens hatte sich Italiens bedeutendster Denker schon zehn Jahre vor seinem Tode geübt. Sein Buch Vom Alter (1994) ist die bewegende Gedächtniswanderung eines Mannes, der schonungslos den Verfall seines Körpers und seiner intellektuellen Fähigkeiten wahrnimmt.

Den Emotionen hat der Aufklärer Bobbio schon immer misstraut. Seine Grabinschrift und den Text der Todesanzeige hinterließ er den Angehörigen mit der Empfehlung: "Nicht zu viel Gerede!" Der Bitte, seinen Tod erst nach der Bestattung bekannt zu geben, leisteten die Angehörigen nicht Folge. So konnten am Wochenende Tausende von einem Mann Abschied nehmen nehmen, der für viele eine moralische Instanz war.

Der 1909 in Turin geborene Philosoph galt nicht nur als kritisches Gewissen der italienischen Linken, sondern als unbestrittener Protagonist des politischen und kulturellen Lebens im vergangenen Jahrhundert. Den Faschisten, die ihn 1943 verhafteten, war der unermüdliche Mahner für Freiheit und Demokratie ein Dorn im Auge. Von 1948 bis 1984 lehrte er Rechtsphilosophie und politische Philosophie an der Universität seiner Heimatstadt und orientierte sich dabei eher am Stil Max Webers als an der mediterranen Rhetorik vieler Kollegen. Bobbio hat 5000 Leitartikel, Essays, Aufsätze und Vorlesungen und fast 40 Bücher hinterlassen, darunter Standardwerke wie die 700-seitige Allgemeine Theorie der Politik (1983), Politik und Kultur (1955) oder Staat, Regierung. Gesellschaft (1995).

"Seine Bescheidenheit war sprichwörtlich", erinnert sich sein Verleger Carmine Donzelli. "Als ich 1994 von seinem neuen Buch Rechts und Links 5000 Stück drucken lassen wollte, mahnte Bobbio dazu, nicht zu übertreiben: 4000 seien genug." Das Buch wurde in 23 Sprachen übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von fast 250.000 Exemplaren.

Den Philosophen, der "den Wert der Milde" predigte, konnte der Erfolg nie blenden. Und er wusste: "Du bist am Ende des Lebens angekommen und hast doch den Eindruck, am Ausgangspunkt stehen geblieben zu sein, was das Wissen um Gut und Böse betrifft. Alle großen Fragen sind unbeantwortet geblieben." (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.1.2004)

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