Paradeorchester als Regionalligamannschaft

15. Jänner 2004, 11:38
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Die Philharmoniker unter Simon Rattle

Wien - Warum darf man an einem Faschingswochenende wie dem vergangenen, an dem die diesjährige Wiener Ballsaison erstmals auf Hochtouren kam, nicht auch einmal aus der Reihe tanzen? Wie die Philharmoniker zum Beispiel: Mit Karol Szymanowskis Stabat Mater, flankiert von Robert Schumanns Nachtlied, erinnerten sie gemeinsam mit dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde unter Simon Rattles Leitung gleich in drei Konzerten (am Sonntag übrigens auch live über Ö1) die erschöpften Ballsirenen und Parketttiger eindringlich an die ernsten Dinge des Lebens. Und verliehen ihrer tönenden Mahnung auch noch durch Anton Bruckners Vierter zusätzlichen Nachdruck.

Eine allfällige Fortsetzung dieser eigenwilligen Programmpolitik lässt möglicherweise für den Karfreitag eine hoffentlich schmissiger als zum Jahreswechsel zusammengestellte Walzer- und Polkafolge erwarten und zu Neujahr - warum nicht? - ausnahmsweise einmal Bachs Matthäuspassion.

So befremdlich sich derlei zukunftsmusikalische Visionen auch lesen mögen, so sehr wurde dem Zeugen des freitägigen philharmonischen Konzertauftritts die Flucht in diese nahe gelegt. Wären einem die musischen Antlitze der demokratischen Könige von zahllosen beglückenden Begegnungen her schon auf liebenswerte Weise vertraut, so hätte man - vor allem bei Bruckner - meinen können, eine irgendwo in Europas orchestraler Regionalliga werkende Orchestermannschaft habe sich an Stelle der Philharmoniker aufs Podium des Goldenen Saales geschlichen.

Ein sperriger, disparater Streicherklang, schrilles Holz und derbes Blech wirkten wie eine akustische Maske dieses renommierten Orchesters, in der Erwartungen im Hinblick auf Gestaltung oder auch nur schlüssiger Nachzeichnung der komplexen Architektur von Bruckners Es-Dur-Symphonie zum Glück erst gar nicht aufkamen. Zumal auch von Rattle keinerlei hörbare formende Impulse ausgingen. Die Themen ertranken, bevor sie sich noch entwickeln konnten, in der begleitenden Harmonik, es fehlte anhaltend der symphonische Atem. Vielmehr wurde dieser von Rattle durch mit theatralischer Willkür gesetzte gewaltsame dynamische Kontraste ersetzt.

Die insgesamt - dank der solistischen Mitwirkung von Luba Orgonásowa (Sopran), Marietta Simpson (Mezzo) und Robert Goerlach (Bass) und auch des von Johannes Prinz sorgfältig vorbereiteten Chores - zufrieden stellend geglückte Wiedergabe von Szymanowskis Stabat Mater lässt vermuten, dass man Bruckner zugunsten dieses Werkes bei den Proben über Gebühr vernachlässigt hat. Doch Bruckner spielt sich eben doch nicht von selbst. Und auch Schu-mann nicht. Sein Nachtlied war in dieser unintensiven und stimmungsarmen Wiedergabe bestenfalls von historischem Interesse. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 1. 2004)

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