"Kannibalen"-Prozess: Ausgang völlig offen

13. Jänner 2004, 13:09
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Nach der Hälfte der Verhandlung ist noch nicht klar, nach welchem Delikt der Angeklagte verurteilt werden soll

In den kommenden Wochen sollen die Psychiater ihre Einschätzung des Falles abgeben.

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Das Bild, das vom 42-jährigen Angeklagten Armin Meiwes entsteht, ist doppeldeutig: Einerseits tritt der "Kannibale" vor Gericht stets höflich, freundlich und gepflegt auf. Andererseits schockiert er das Publikum mit seiner emotionslosen und ruhigen Schilderung blutrünstigster Details.

Zur Halbzeit des Aufsehen erregenden Verfahrens ist noch immer unklar, welches Delikt für eine Verurteilung herangezogen werden könnte. Den Mordvorwurf bestreitet der Angeklagte, der auch keine Reue zeigt, vehement. Das Gericht zieht in dem beispiellosen Fall auch Tötung auf Verlangen oder Totschlag in Betracht.

Meiwes hat gestanden, einen Berliner Ingenieur mit dessen Einverständnis getötet, zerlegt und - getrieben von jahrelanger Lust auf Menschenfleisch - zum Großteil gegessen zu haben. Erst kurz vor Prozessablauf Ende Jänner werden ein Psychiater und ein Sexualwissenschafter ihre Gutachten vortragen, die Einblick in das Seelenleben und die Schuldfähigkeit des Angeklagten geben sollen.

Persönlichkeitsgestört, aber seelisch und geistig gesund

Der bereits gehörte Gefängnispsychologe hält ihn zwar für persönlichkeitsgestört, aber für seelisch und geistig gesund. Ein vorläufiges Gutachten vor Prozessbeginn bescheinigt ihm uneingeschränkte Schuldfähigkeit. Daran ist - anders als in anderen Verfahren - auch dem Verteidiger gelegen.

Denn wenn das Gericht eine erheblich verminderte Schuld etwa wegen seelischer Abartigkeit feststellt, bedeutet dies die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus, notfalls für den Rest des Lebens. Bei voller Schuldfähigkeit indes wäre Meiwes nach Haftende ein freier Mann.

Ob der Mordvorwurf der Anklage mit Blick auf die Einwilligung des Opfers haltbar ist, bezweifeln Kriminologen ebenso wie die Annahme einer Tötung auf Verlangen. Anders als bei aktiver Sterbehilfe habe der Täter keinen Todkranken von Leiden erlöst, sondern selbst einen Willigen zur Umsetzung seiner perversen Fantasien gesucht.

Mit dem Opfer und seinem Umfeld will sich das Gericht in der zweiten Hälfte des Prozesses befassen. Wie Meiwes war der 43-Jährige in der Computerbranche tätig. Er war unverheiratet und wohnte mit einem Lebensgefährten zusammen. Der Anklage zufolge litt er aufgrund einer psychischen Störung an einem starken Drang zur Selbstzerstörung und habe seine Existenz auslöschen lassen wollen.

Diesen krankhaften Zug seines Opfers hätte Meiwes erkennen statt ausnutzen müssen, hält ihm die Staatsanwaltschaft vor. Der Angeklagte indes pocht vor Gericht auf die freiwillige Entscheidung seines Opfers und räumt allenfalls das Anormale seiner Tat, einen Tabubruch, ein.

Szene im Internet

Bestätigt wurden in dem Prozess zwar Hinweise auf eine Kannibalismusszene in Deutschland. Seine Fantasien teilte Meiwes im Internet mit anderen Männern - darunter auch Ärzte, Lehrer und Beamte. Weitere Opfer konnte die Polizei aber nicht ausmachen.

Meiwes indes war bereits bis zu seiner Verhaftung auf der Suche nach neuen Opfern, wie er zugab. Zu einer möglichen Rückfallgefahr äußerte sich bisher niemand. Die Notwendigkeit einer Therapie scheint Meiwes nach seinen Worten vor Gericht indes einzusehen: "Wäre ich ein paar Jahre früher zum Psychologen gegangen, wäre es nicht so weit gekommen." (Michael Evers/DER STANDARD; Printausgabe, 12.1.2004)

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