Kleine Eheannullierung gefällig?

20. Jänner 2004, 19:17
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Wie die katholische Kirche ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzt - Ein Kommentar der anderen von Heiner Boberski

Wenn die Ehe einer monegassischen Prinzessin oder einer österreichischen Politikerin kirchlich annulliert - also nicht für geschieden, sondern für ungültig, für quasi nie geschlossen erklärt - wird, geht ein Raunen durch das Land: Da hat es sich jemand gerichtet, da hat sich die sonst so strenge Mutter Kirche kaufen lassen, um jemandem, der Macht und Einfluss besitzt, gefällig zu sein.

Die Wahrheit ist viel nüchterner: Wer eine Annullierung seiner Ehe anstrebt, ist ohne Prominenz und Vermögen oft noch besser dran. Ein relativ hoher Anteil der Fälle, die an kirchliche Ehegerichte herangetragen werden, wird positiv - also im Sinne der Antragsteller - erledigt. Insider beteuern, dass Promis sogar strenger unter die Lupe genommen werden, weil man in diesen Fällen öffentliche Kritik fürchtet, dass man bei gleicher Sachlage aber in diesen Fällen genauso entscheiden muss wie bei Normalbürgern.

Zur Erinnerung: Im 16. Jahrhundert nahm die Kirche den Abfall des ganzen englischen Sprachraums in Kauf, als sie König Heinrich VIII. die Annullierung seiner Ehe verweigerte. Eine echte Geldfrage ist eine Eheannullierung jedenfalls heute nicht. Die Kosten betragen beispielsweise in Österreich in erster Instanz ganze 225, in zweiter Instanz weitere 152 Euro; verteuern kann sich die Sache allenfalls durch einzelne Fachgutachten. Und langwierige Verfahren sind auch nicht zu befürchten: Die erste Instanz sollte nicht länger als ein Jahr, die zweite etwa ein halbes Jahr an einem Fall arbeiten.

Insofern war das von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner angestrengte Verfahren, das im Jänner 2002 in Salzburg eröffnet und im Sommer 2003 in zweiter Instanz in Wien beendet wurde, von normaler Dauer.

Gottgefällige Praxis?

Bekanntlich gehört es zum wesentlichen christlichen Gedankengut, nur dann Steine auf andere zu werfen, wenn man sich selbst keiner Schuld bewusst ist. Insofern sollte man auch nicht jene prügeln, die sich ein solches Schlupfloch in Zeiten unzähliger gescheiterter Ehen zunutze machen, weil sie mit kirchlichem Segen eine neue Beziehung eingehen wollen. Schon eher muss man wohl jene fragen, die dieses Schlupfloch hegen und pflegen, ob sie allen Ernstes glauben, damit im Sinne ihres Herrn und Meisters zu handeln.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass man, wenn man nur will, bei fast jedem Paar - sogar bei solchen mit mehreren Kindern - Gründe finden kann, warum die Ehe eigentlich sakramental nicht geschlossen wurde und daher annullierbar ist. Man kann sich für das Verfahren die richtigen Antworten leicht besorgen - wie einst bei der Gewissensprüfung durch die Zivildienstkommission -, und viele erhalten die Annullierung. Die Eherichter können ihre Hände in Unschuld waschen: Sie respektieren ja nur die Aussagen der Betroffenen; wenn diese Aussagen nicht ganz stimmen, müssen das die Leute selbst mit ihrem Gewissen abmachen.

Tatsache ist, dass man bei kaum einem anderen Sakrament so reif an Alter und Wissen ist wie bei der Ehe. Folglich fällt es vielen Leuten schwer, ihr "Ja" vor dem Traualtar mit Zwang, einer psychischen Störung oder einem anderen Annullierungsgrund in Verbindung zu bringen.

Und gerade Menschen, die wirklich bei der Hochzeit unter Druck standen, sind oft später nicht bereit, ihre ganze Situation vor einem kirchlichen Ehegericht auszubreiten. Es mag etliche Fälle geben, wo tatsächlich nie etwas, was den Namen Ehe verdient, zustande gekommen ist. Aber es ist sehr zu bezweifeln, ob das auf alle oder auch nur auf die Mehrheit der heute annullierten Ehen zutrifft. Wenn ja, wäre es eine Bankrotterklärung dessen, was die Kirche als Ehevorbereitung den Menschen anbietet und von ihnen fordert.

Gebot der Stunde

Was aber vor allem Not täte, wäre mehr Barmherzigkeit gegenüber jenen, die ihre Ehe nicht für ungültig erklären wollen, aber als gescheitert betrachten müssen. Diesen Menschen einen neuen Anfang zu ermöglichen, ohne die Unauflöslichkeit der Ehe als Ideal grundsätzlich infrage zu stellen, ist das Gebot der Stunde.

Sich diesem Problem neu zu stellen, wie es die anderen christlichen Kirchen auf unterschiedliche Weise bereits getan haben, würde der römisch-katholischen Kirche besser anstehen, als durch ihre Praxis in Sachen Eheannullierung ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen.

(DER STANDARD, Printausgabe, 12.1.2004)

Der Autor war von 1995 bis 2001 Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Furche" und lebt als freier Publizist in Wien; letzte Buchveröffent- lichung: "Der nächste Papst", Müller Verlag, Salzburg 2001.

Siehe auch

Benita sei Dank - Ein Kommentar von Gerfried Sperl

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