Dollar-Verfall trotz US-Konjunktur

21. Jänner 2004, 09:10
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Das Defizit der US-Leistungsbilanz wird den Eurokurs weiter treiben - Devisenexperte Valentin Hofstätter im STANDARD-Gespräch

Standard: Die US-Wirtschaft ist im dritten Quartal um 8,2 Prozent gewachsen, für 2004 werden rund 4,5 Prozent erwartet. Das ist mehr als doppelt so viel wie die Prognosen für Europa. Trotzdem sehen Devisenexperten wie Sie einen weiteren Verfall des Dollar zum Euro. Wieso?


Hofstätter: Eine starke US-Konjunktur bedeutet auch eine weitere Vergrößerung des US-Leistungsbilanzdefizits. 2004 dürfte das schon 690 Milliarden Dollar betragen. Und die Aktienzuflüsse sind längst zu gering, um so ein gigantisches Defizit zu finanzieren. Im Boomjahr der Aktien flossen 130 Milliarden Dollar netto in US-Aktien. Dann kamen riesige Abflüsse, erst zuletzt gab es geringe Zuflüsse.

STANDARD: Was tun die Länder, die auf immer mehr Dollar sitzen, weil die Amerikaner ja immer mehr importieren?


Hofstätter: Sie tauschen die Dollar in andere Währungen, eben auch in den Euro. Deswegen steigt er. Das geschieht auch in Erwartung weiterer Dollarschwäche, die ja wiederum das Wachstum in den USA stützt, weil Exporte für die USA billiger werden. Dazu kommt noch, dass Europa höhere Zinsen bietet als die USA, ein weiteres Lockmittel, aus dem Dollar rauszugehen. Asiaten wechseln teilweise auch in die Heimatwährungen, dort, wo das Wirtschaftswachstum stark ist. Die haben gar keinen Anlass, in den USA zu investieren. Das zwingt wiederum die asiatischen Notenbanken, den Dollar-Überhang aufzukaufen, um eine noch stärkere Aufwertung ihrer Währung zum Dollar zu verhindern. 2003 hat allein die japanische Notenbank 180 Milliarden Dollar gekauft.

STANDARD: Da müsste der Dollar doch steigen?


Hofstätter: Das ist auch der einzige Grund, warum der Euro zum Dollar jetzt noch nicht bei 1,40 steht. Oder der Dollar zum Yen auf 85.


STANDARD: Über welche Brücke kann dann die starke US-Konjunktur auf die Währung wirken und zu einem Erstarken des Dollar führen?


Hofstätter: Ich sehe derzeit keine. Das Leistungsbilanzdefizit wird uns noch länger belasten. Rückschläge eingerechnet wird der Euro zum Dollar bis zum Jahresende über 1,30 notieren. Der Euro wird zum Dollar nach oben getrieben werden, bis sich die Europäische Zentralbank mit Nachdruck dagegen stemmt.

STANDARD: Dollarkäufe oder Leitzinssenkungen?


Hofstätter: Ja, zunächst aber vermutlich einmal eine verbale Intervention, also die nachdrücklich formulierte Sorge über das Wechselkursverhältnis. Trotzdem: Eine Trendwende halte ich vor 2005 nicht für möglich. Das wird ein sehr zäher Prozess werden - auch im Konzert mit deutlicher Aufwertung der asiatischen Währungen. (Der Standard, Printausgabe, 12.01.2004)

Valentin Hofstätter ist Zins- und Währungsanalyst im Raiffeisen Research in Wien
  • "Eine starke US-Konjunktur bedeutet auch eine weitere Vergrößerung des US-Leistungsbilanzdefizits. 2004 dürfte das schon 690 Milliarden Dollar betragen. "
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    "Eine starke US-Konjunktur bedeutet auch eine weitere Vergrößerung des US-Leistungsbilanzdefizits. 2004 dürfte das schon 690 Milliarden Dollar betragen. "

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