Zersprungene Scheiben und gestrandete Lkw-Fahrer

25. Jänner 2004, 19:48
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Prüfer warnen vor Verallgemeinerungen bei defekten Lastern

Enns -Gefahrengut, das nicht deklariert ist, defekte Bremsen, kaputte Reifen: Lkw um Lkw holpert an diesem feuchtkalten Morgen über den Prüfstand auf dem Autobahnparkplatz neben der A 1 vor Enns. Und bei fast jedem Gefährt, das sie kontrollieren, haben die Verkehrstechniker des Landes Oberösterreich etwas auszusetzen.

"Da, das müssen Sie sich anschauen", freut sich einer der Männer, während er einen ungarischen Laster begutachtet. Dessen Räder ruckeln auf der hydraulischen Prüfplatte hin und her. "Da ist die Achse komplett hin, die Prüfplatte geht gar nicht so weit, um das genau anzuzeigen", erklärt Rupert Kobler, ein weiterer Techniker.

Die Fahrt darf daher nicht fortgesetzt werden. Ein Gendarm erklärt dem ungarischen Lenker die Situation, der ruft seinen Chef an und reicht das Gespräch an den Beamten weiter. Den Inhalt fasst dieser so zusammen: "Der Chef will am Montag einen Techniker schicken, damit die Fahrt weitergeht. Was bis dahin mit dem Fahrer passiert, ist ihm völlig wurscht. Wir schauen jetzt, ob er von einem anderen Lenker mitgenommen werden kann, sonst bringen wir ihn zur nächsten Raststätte."


"Ein bissi komisch"

Während der Ungar seine Kennzeichen abschraubt, machen sich Beamte und Verkehrstechniker Gedanken über die laufende "Aktion scharf". "Irgendwie ist es ein bissi komisch, wir machen dass ja schon seit Jahren regelmäßig, davon war nur selten was zu hören. Aber jetzt mit dem EU-Streit kann sich dann der Gorbach hinstellen und die Sache als seinen Erfolg verkaufen", meint einer von ihnen skeptisch.

Was die mögliche Aufstockung des heimischen Prüfpersonals ab Mai angeht, zeigt sich Verkehrstechniker Kobler ebenfalls etwas misstrauisch. "Das geht ja nicht von heute auf morgen, die Leute bei uns brauchen ein bis zwei Jahre, bis sie auf der Straße eingesetzt werden können", skizziert er.

Kobler selbst ist seit 21 Jahren dabei. Seinem Eindruck nach ist die Verkehrssicherheit der Lkw auf den heimischen Straßen gestiegen. Bei kleineren Frächtern sei der Kostendruck aber sichtbarer geworden: "Die fahren lieber, bevor sie den Laster in die Werkstatt stellen."

Sprung auf der Frontscheibe

Für eines dieser Kleinunternehmen fährt Herr Roland. Er ist der Bruder des Frächters und eigentlich nach Wiener Neustadt unterwegs. Jetzt steht er vor seinem Fahrzeug. Der Grund: Quer über die Frontscheibe verläuft ein Sprung, er muss sie sobald wie möglich wechseln. "Die intensiven Kontrollen sind schon etwas schikanös", murrt er. "Heuer kommt soviel Mehrbelastung auf die Frächter zu, da ist das echt übertrieben."

Gelassener sieht es Herr Christian. Bei seinem Lkw war ein Reifen defekt, nun wartet er, bis die Firma einen Ersatzreifen schickt. "Sicher ist es mühsam. Aber die machen halt ihren Job und ich mache meinen", gibt er sich realistisch. Er habe den Laster von einem Kollegen übernommen, der kaputte Reifen sei ihm nicht aufgefallen. Das kann passieren, wissen auch die Prüfer. Sie unterscheiden zwischen Mängeln, die der Fahrer bemerken muss und solchen, die zwar gefährlich, aber schwer zu entdecken sind.

Am Ende des Tages sind 42 Lkw über den Prüfzug gerollt. Fünf von ihnen haben so schwere Mängel, dass sie sofort aus dem Verkehr gezogen werden. "Das darf man aber nicht hochrechnen, weil die Gendarmerie ja nur solche von der Autobahn holt, wo ein Verdacht besteht", relativiert Kontrollorganisator Werner Stanek. "Insgesamt fahren in diesem Bereich ja täglich 18.000 Schwerfahrzeuge." (Michael Möseneder, Der Standard, Printausgabe, 12.01.2004)

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