100 Off shore-Gesellschaften in Steuerparadiesen entdeckt

11. Jänner 2004, 19:36
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Ermittler beginnen mit Vernehmung von Großbankiers - Parlamentarische Untersuchungskommission startet Mittwoch

Rom - Die Staatsanwaltschaft von Mailand und Parma hat mit der Überprüfung der rund 100 Off Shore-Gesellschaften begonnen, die der insolvente italienische Nahrungsmittelkonzern Parmalat in Steuerparadiesen gegründet hatte. Die Cayman-Inseln lieferten den Ermittlern eine Liste von acht Gesellschaften, die Firmengründer Calisto Tanzi angeblich als Tarnung für dunkle Geschäfte und Bilanzfälschungen gegründet hatte, die zu einem Fehlbetrag von 13 Mrd. Euro geführt haben. Auch die Antillen sowie Luxemburg erklärten sich zur Kooperation mit den Mailänder Staatsanwälten bereit.

Dem Ermittlerteam steht eine entscheidende Woche bevor. In den nächsten Tagen wollen die Staatsanwälte die Rolle der italienischen Banken im internationalen Skandal ergründen. Geplant ist die Vernehmung von Bankiers großer italienischer Geldhäuser, wie der Präsident der römischen Bank Capitalia, Cesare Geronzi, die zu den größten Gläubigerbanken Parmalats zählt. Bis vor einem Monat war Tanzi im Aufsichtsrat der Bank gesessen, die wegen der Verbindungen zum Parmalat-Management stark unter Druck geraten ist. Voraussichtlich soll auch der Präsident der größten italienischen Bank, Corrado Passera, vernommen werden.

Druck auf Bank of America

Stark unter Druck bleibt weiterhin die Bank of America, dessen Mailänder Sitz am Freitag fast zehn Stunden lang durchsucht worden war. Ein Ex-Funktionär der Bank, Luca Sala, war am Donnerstag festgenommen worden. Als Zeuge wurde ein weiterer Manager des Kreditinstituts, Luis Moncada, vernommen. Er berichtete über die Beziehungen zwischen der US-Bank und dem Nahrungsmittelkonzern aus Parma.

Geplant ist in den nächsten Tagen auch die vierte Vernehmung des Ex-Finanzchefs von Parmalat, Fausto Tonna, der als Drahtzieher der kolossalen Affäre gilt. Der seit Silvester verhaftete Tonna hatte sich in den letzten Tagen zur Zusammenarbeit mit den Justizbehörden entschlossen. In den Sog der Parmalat-Ermittlungen sind bisher 25 Personen geraten, neun davon befinden sich in Haft. Die Ermittler wollen im Laufe der Woche auch die Tochter des Firmengründers Tanzi, Francesca, vernehmen. Sie steht an der Spitze der Parmalat-Tourismusfirma Parmatour, deren hohe Verschuldung Auslöser des Skandals gewesen war.

Parlamentarische Untersuchungskommission startet Mittwoch

Am Mittwoch nimmt eine mit der Klärung des Parmalat-Skandals beauftragte parlamentarische Untersuchungskommission ihre Arbeit auf. Sie wird dem Parlament bis 20. Februar einen Bericht über die Hintergründe vorlegen, die zur Insolvenz des Milchmultis geführt haben. Im Parlament werden auch Maßnahmen zum Anlegerschutz diskutiert. "Die Anleger müssen Garantien bekommen, dass die Bilanzen der Unternehmen, in die sie investieren, transparent sind", sagte Vizepremier Gianfranco Fini.

Die politischen Parteien diskutieren weiterhin über die Einrichtung einer Aufsichtsbehörde, die die auf mehrere Institutionen verteilten Kontrollaufgaben im italienischen Finanzbereich übernehmen soll. Der Notenbankchef Antonio Fazio gerät immer stärker unter Druck. Er wird beschuldigt, seinen Aufsichtspflichten nicht nachgekommen zu sein. In Mitte-Rechts-Kreisen forderte man eine tief greifende Reform des Amts des Notenbankgouverneurs. (APA)

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