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18. Jänner 2004, 13:29
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Handys werden in zwei Jahren ganz anders sein als heute, sagt der neue Nokia-Österreich-Chef Jörg Pribil

Eben erst hat Nokia, der finnische Weltmarktführer im Handybereich, höhere Gewinne für das vierte Quartal des abgelaufenen Jahres gemeldet, angespornt durch Wachstum beim Verkauf von Handys und Netzwerkausrüstung. 2003 war auch in Österreich das erste Jahr nach 2001 und 2002, in dem die hiesige Nokia-Tochter wieder Wachstum verzeichnete, sagt Jörg Pribil, seit Jahresbeginn Geschäftsführer von Nokia Alps (Österreich und Schweiz). "Die Euphorie ist nicht zurückgekehrt, aber die Lage ist besser als erwartet", erklärt er im Gespräch mit dem STANDARD.

"Voice"-Bereich gesättigt

Aber der österreichische Markt ist im traditionellen "Voice"-Bereiche (reine Sprachtelefonie) gesättigt, "Replacement" - Ersatz alter Geräte - biete vielleicht "marginale Zuwächse", beschreibt Pribil die Herausforderung, der er sich in seiner Funktion gegenübersieht. "Neue Kunden können wir nur durch neue Produktkonzepte gewinnen. In zwei Jahren werden wir ganz andere Produkte verkaufen als heute", für die Nokia erst "Benutzungsszenarien" - sprich: sinnvolle Verwendungen für die Unzahl möglicher Anwendungen - entwickle.

Wie diese neuen Produkte aussehen, die auch ein Massenpublikum zum Kauf animieren, weiß auch Nokia selbst nicht. Nur so viel ist klar: "Multimedia" und "Enterprise Solutions" sind die Richtung - soll heißen: Für Privatkunden Internetzugang, Spiele, nützliche Programme für unterwegs; und für Geschäftskunden vor allem E-Mail und Firmendaten, die mobil benötigt werden.

Experimente

Das Mediagerät 7700 (siehe Bild), vor kurzem vorgestellt und Mitte nächsten Jahres im Handel, "ist ein solcher Vorbote, ein voller Webbrowser und Abspielmöglichkeiten für alle Arten von Medien. Telefonieren ist dabei nur ein Nebennutzen", beschreibt Pribil die "signifikanteste Einführung seit dem Communicator", Nokias aufklappbarem Handy, das einen PC imitiert.

"Es zeichnet Nokia aus, dass wir solche Experimente eingehen können. Wir machen zwar unendlich viele Marktstudien und antizipieren, was Benutzer interessiert, auch bei unserer Spielekonsole N-Gage", sagt Pribil. Aber die Entscheidung, was floppt und was ein Renner wird - "Dafür kann uns niemand eine Garantie geben. Das ist wie die Frage, ob Sie eine Kreditkarte nutzen, wenn Sie doch auch mit Bargeld zahlen können. Ähnlich ist es bei vielen unserer neuen Produkte: Ihr Nutzen ist schwer vorstellbar, bis man sie in der Hand gehalten hat."

Ein misslungenes Experiment?

Ein solches "Experiment", dem bisher noch kein Erfolg beschieden war, scheint auch UMTS, die dritte Mobilfunkgeneration (3G) zu sein - ein misslungenes Experiment? "UMTS ist mit Sicherheit nicht tot oder abgesagt. Aber auch Nokia hat schlecht kommuniziert, was stattfindet. Es ist kein Effekt, als ob eine Tür zu einer neuen Welt aufgeht", räumt Pribil ein, dass hier mit zu viel Hype falsche Erwartungen geschürt wurden.

UMTS sei als Standard zu wenig definiert gewesen, "man hat sich das zu einfach vorgestellt. Es war zu viel offen, und dann gibt es Probleme damit, die unterschiedlichen Systeme kompatibel zu machen". Hutchison, der UMTS unter der Marke "3" anbietet, definiere es als Videotelefonie, "aber das wird auch nur ein Segment sein."

Die Zurückhaltung bei der Herstellung von UMTS-Handys - Nokia bietet derzeit nur zwei Modelle, in begrenzten Stückzahlen und beide ohne Videotelefonie - erklärt Pribil damit, "dass zuerst die gewohnten Grundfeatures funktionieren müssen": Kleine Geräte, nahtlose Sprach- und Datentelefonie zwischen unterschiedlichen Netzen, Batterielebensdauer. "Es ist besser, wir probieren neue Dienste zuerst in den vorhandenen Netzen der zweiten und 2,5 Generation" (GMS mit Datendiensten), wo es eine Vielzahl von Benutzern gibt, ehe man zu UMTS wechsle.(Helmut Spudich/ DER STANDARD/ Printausgabe vom 10./11.1.2004)

  • Artikelbild
    foto: nokia
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