Das Janusköpfige des Konsumverzichts

22. Dezember 2004, 11:18
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Entbehren oder doch lieber nicht? Wie der Geiz mit einem Mal geil geworden ist

Konsum, nein danke: Menschen, die dieses Motto auf ihre Fahnen geschrieben haben, verstehen ihre Verzichtsleistung gerne als Dienst an einem höheren Prinzip. Konsumverzicht (oder wenigstens die freiwillige Einschränkung desselben) - das erschöpft sich nicht in der negativen Geste des Zurückweisens und Verweigerns, sondern bedeutet meist auch eine Reverenz ans bedachtsame Wirtschaften, an die Ökologie oder an jene berühmte "Sustainability", die neuerdings auch die Wirtschaftsleute so gern im Mund führen.

Die "Ich pfeif drauf"-Haltung des professionellen Geizhalses, der jeden Teebeutel dreimal aufbrüht, ehe er den krümeligen Inhalt auch noch nutzbringend zur Düngung seiner Blumenrabatten heranzieht, scheint ja in der Tat von einem klaren gesellschaftskritischen Moment getragen: Endlich Nein sagen zu den mit allen erdenklichen Absurditäten vollgerammelten Warenlagern des Spätkapitalismus! Endlich Schluss mit der unbarmherzigen Tretmühle von Verdienen und Konsumieren, Konsumieren und Verdienen!

Sich aus diesem Kreislauf zu verabschieden oder ihn wenigstens nur in verlangsamter Form mitzudrehen, ist in trüben Zeiten wie diesen zum Volkssport geworden. Wo früher, mit einer gewissen Logik, die Unkeuschheit als geilste der Todsünden gelten durfte, da ist es jetzt mit einem Mal der Geiz, der wirklich anschärft. Nach dem Bannfluch, mit dem die Progressiven der 70er-Jahre die Schreckensfigur des "Konsumtrottels" bedachten, hat sich der Trottel mit einem Mal zum Knauser gewandelt. Die überquellende Fülle der Internetseiten, auf denen sich Schotten, Schnäppchenjäger und sonstige Sparmeister wechselseitig mit Tipps versorgen, wo es Gratisproben von Schuppenshampoo oder Probeabonnements zu ergattern gibt, kündet jedenfalls von einer gesellschaftlich wachsenden Unlust, sich der gewohnten Logik "Ware gegen Geld" auszuliefern.

Das wird ja wohl seine Gründe haben. Vielleicht ist es der Geist der Zeit, in der der Rotstift zum bevorzugten Managementtool und die Kaufkraft der Massen entsprechend geschmälert worden ist. Andererseits reihen sich die kontemporären Geizhälse in eine altehrwürdige Tradition ein, in der sich das Verzichts- und Spardenken als periodisch auftretendes und von den jeweiligen Zeitumständen unabhängiges Feature der Menschheitsgeschichte beobachten lässt: Der Tonnenbewohner Diogenes als Urvater all jener, die dem Konsum skeptisch gegenüber stehen.

Schopenhauer weist in den Aphorismen zur Lebensweisheit auf die Warnung des großen "Glücksäligkeitslehrers" Epikuros hin, wonach der Mensch nur wenige natürliche Bedürfnisse habe, aber unendlich viele künstliche, die zu befriedigen schwierig, wenn nicht unmöglich sei. Schopenhauer warnt seinerseits davor, vorhandenes Vermögen "als eine Erlaubnis oder gar Verpflichtung zu betrachten, die Plaisirs der Welt heranzuschaffen". Vielmehr solle man es nur defensiv, als Schutzwall gegen die Übel der Welt einsetzen.

Der Konsumskeptiker lässt sich natürlich ebenso sehr als säkularisierte Variante der Bettelmönche und sonstiger Asketen begreifen, die aus religiösen Motiven Verzicht üben. Christus wahrlich nachfolgen, so lehrt das Evangelium, kann nur der, der alle irdischen Güter preisgibt: Konsumverzicht zum höheren Ruhme Gottes und für das eigene Seelenheil.

So ehrenvoll die Motive all jener auch sein mögen, die lieber in Sack und Asche als in einem Armani-Anzug einhergehen: Gesamtgesellschaftlich betrachtet sollten wir froh sein, dass sie (noch?) eine Minderheit sind. Wo wären wir alle ohne den Optimismus des amerikanischen Durchschnittskonsumenten, der unverdrossen neue Kredite aufnimmt, um sich den dritten DVD-Player ins nicht abgezahlte Ratenheim stellen zu können? In einer tiefen, dunkeln Rezession, die sich gewaschen hätte.

Und eine zweite Frage muss sich der Konsumskeptiker gefallen lassen: Ob die unüberschaubar vielen Einzelposten im Warenlager des Kapitalismus wirklich so verabscheuungswürdig sind, wie er es oft glauben macht. Was ist gegen einen dezenten Computer der jüngsten Generation einzuwenden, was gegen eine anständige Flasche Bordeaux, was gegen Rehnüsschen an Spargelmousse? Während die Antwort des Asketen auf solche Verlockungen stereotyp "Weniger davon für mich" lautet, hätte das Motto "Mehr davon für alle" noch erheblich mehr Sprengkraft: Unterm Strich wirkt die Forderung nach einem gerechten Anteilhaben am ge- sellschaftlichen Reichtum revolutionärer als eine Haltung des Verzichts, auch wenn sich diese Haltung noch so kompromisslos gebärden mag. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 10./11.1.2004)

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