Hallo, ich bin dein Joghurt!

22. Dezember 2004, 11:18
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Wie funkende Mikrochips das Einkaufen revolutionieren

Ein international tätiges Modeunternehmen und keine Homepage? Wer www.prada.com besucht, gerät schon seit Jahren in eine der im Internet so seltenen Sackgassen. Ein Bild aus der aktuellen Kollektion, das war's. Kein einziger Mausklick ist möglich, im Browser muss der Rückwärtsgang eingelegt werden, hier geht es nicht weiter. Understatement? Vielleicht. Vielleicht wird im Hause Prada aber einfach abgewartet, bis jeder Computer mit einem Lesegerät ausgestattet ist, das zum Beispiel erkennt, ob die Besucherin der Webseite heute eine Prada-Bluse trägt. Und auch noch feststellen kann, dass die Ware aus der Vorjahreskollektion stammt und in Mailand just zu dem Zeitpunkt gekauft wurde, als dort die Modemesse stattfand. Mit diesen Informationen gefüttert, wäre der Zentralrechner dann in der Lage, eine persönliche Homepage zusammenzustellen, die den mutmaßlichen Bedürfnissen einer guten Kundin entgegenkommt: zukünftige Messetermine, passende Handtasche etc.

Solange aber der durchschnittliche Computer nicht in der Lage ist, mit der Bluse Kontakt aufzunehmen, bleibt die Homepage quasi tot. Im 2001 eröffneten New Yorker "Prada Epicenter Store" hingegen funktioniert es bereits. Die Schlüsseltechnologie sind so genannte RFID-Chips, die an den Etiketten angebracht sind und per Funk abgefragt werden können ("radio-frequency identification"). Die Technologie ist nicht neu, sondern dient seit längerem etwa dazu, Frachtcontainer an den Umschlagplätzen zu identifizieren und ihren jeweiligen Bestimmungsorten zuzuweisen. Wie alle Elektronikteile wurden auch die Chips immer kleiner, und man entwickelte eine passive Variante, die ohne Batterie auskommt und nur dann funkt, wenn sie gefragt wird. Bei der New Yorker Prada-Filiale findet diese Abfrage unter anderem in den Umkleidekabinen statt. Das Lesegerät erkennt, welche Kleidungsstücke mit hineingenommen wurden, woraufhin ergänzende Produktinformationen auf einem Touchscreen erscheinen. Die Kundin kann nachsehen, in welchen Größen und Farben die Stücke vorrätig sind oder, per Videoeinspielung, wie es aussieht, wenn ein Model damit über den Laufsteg geht.

Stammkunden erhalten die Prada-Karte im transparenten Chipdesign, die den mit mobilen Lesegeräten ausgestatteten Verkäufern das bisherige Konsumverhalten offenbart. Auch dies selbstverständlich per Funk. Noch ist es nicht so weit, dass jeder Hersteller seine Kleidung mit den stecknadelgroßen RFID-Chips ausstattet, was es ermöglichen würde, die Kunden daraufhin anzufunken, zu wie viel Prozent sie mit Prada eingekleidet sind. Noch werden die Chips an der Kasse deaktiviert. Aber bei Datenschützern regt sich bereits weltweit organisierter Protest gegen die Technologie, die einen beim Besuch eines Kleidungsgeschäfts einer Art virtuellem Striptease unterziehen könnte.

Es sind noch andere, kaum weniger beunruhigende Szenarien denkbar. Die RFID-Technologie hat bei allen großen Supermarktketten Interesse geweckt. "Denkende Regale", die nicht anders funktionieren als bereits jetzt die Umkleidekabinen bei Prada in New York, funken in regelmäßigen Abstände die darin gelagerten Produkte an, und jeder Joghurtbecher meldet sich mit seiner eigenen Melodie. Anders als der standardisierte Strichkode, der bei gleichen Produkten dasselbe Muster trägt, können RFID-Chips wesentlich mehr Informationen aufnehmen, wie etwa das Haltbarkeitsdatum oder Angaben zu Hersteller und Produktionscharge.

Der deutsche Lebensmittel- und Konsumgüterkonzern Metro, zu dem in Österreich auch die Elektronikketten Mediamarkt und Saturn gehören, hat zur Erprobung der RFID-Technologie Anfang 2003 im niederrheinischen Rheinberg einen "Future Store" eröffnet und sich damit die zweifelhafte Ehre eingehandelt, mit einem "BigBrotherAward" ausgezeichnet zu werden, dem so genannten "Oscar für Datenkraken", den ein deutscher Computerklub jährlich vergibt. Im "Future Store" begrüßen Touchscreen-Monitore auf jedem Einkaufswagen die Inhaber der Kundenkarte und zeigen zur Orientierung die Einkaufsliste vom letzten Besuch. Harte Zeit für Schnäppchenjäger brechen an, denn Sonderangebote gelten jetzt nicht mehr für alle, sondern erscheinen nur noch individuell je nach Konsumprofil auf dem Display. Wer häufig einkauft, wird belohnt. Analog zu den Profilfunktionen bei Internetbuchhändlern sind auch Hinweise auf verwandte Produkte möglich: Wer Spaghetti und Dosentomaten kauft, könnte sich auch für Zwiebeln interessieren. Und das Personal kann gänzlich aus seiner Beraterfunktion entlassen werden. Wo die Suppenwürfel stehen, zeigt das Navigationssystem. Auch ist es nahe liegend, gleich noch einen Teil der Kassierer einzusparen, zeigt doch der Einkaufswagen an, was sich darin und eventuell auch in den Manteltaschen befindet. Der Kunde fährt einfach zum "self-checkout", zückt die Kreditkarte und fertig.

Da wäre es ein nur zu konsequenter Schritt, wenn zu Hause der Kühlschrank ebenfalls mit einem Lesegerät ausgestattet wäre. Dann würde sich die obligatorische Handyanfrage aus dem Supermarkt erübrigen, was denn noch mitzubringen sei, die in einem Singlehaushalt ohnehin keiner beantwortet. Der "gläserne Konsument" müsste sich allerdings darauf gefasst machen, einen Brief von seiner Krankenkasse zu erhalten, die ihm nahe legt, doch mehr Gemüse und weniger Alkohol einzulagern. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 10./11.1.2004)

Von Oliver Elser
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