Deutsche Bank rechnet mit Euro über 1,40 Dollar

23. Jänner 2004, 16:11
19 Postings

Chefvolkswirt Walter: "Erst wenn die Marktteilnehmer die Kurse für komplett verrückt halten, wird es eine Trendwende geben"

Frankfurt - Die konjunkturellen Risiken durch den anhaltenden Höhenflug des Euros werden von deutschen Finanzexperten unterschiedlich eingeschätzt. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, rechnet mit einem weiteren Kursanstieg bis auf 1,40 Dollar und befürchtet negative Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland. Bundesbank-Vorstandsmitglied Hermann Remsperger sieht dagegen keine Gefährdung des wirtschaftlichen Aufschwungs in der Bundesrepublik.

Walter sagte der "Welt am Sonntag": "Der Markt wird die alten Tiefststände des Dollar aus den Jahren 1995/1996 wohl testen." Im April 1995 hatte die amerikanische Währung nur noch 1,35 Mark (0,690 Euro) gekostet, was umgerechnet einem Euro-Kurs von 1,44 Dollar entspricht. "Erst wenn die Mehrheit der Marktteilnehmer die Kurse für komplett verrückt hält, wird es eine Trendwende geben", zitiert die Zeitung den Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Dieser Punkt sei noch nicht erreicht.

Enttäuschung über Leitzins-Entscheidung

Walter begründete seine Erwartung, dass der hohe Euro-Kurs auch die Konjunktur in Deutschland negativ beeinflussen könnte. Eine Aufwertung der europäischen Währung um zehn Prozent verringere das Bruttosozialprodukt um rund 0,5 Prozent. Er sei daher enttäuscht über die Entscheidung der Europäischen Zentralbank, in der vergangenen Woche den Leitzins bei 2,0 Prozent zu belassen. "Sie hätte den Spielraum nutzen und die Zinsen senken sollen", sagte Walter.

Dem widersprach Bundesbank-Vorstandsmitglied Remsperger am Samstag im Deutschlandradio Berlin. Für die Entscheidung über den Zinssatz werde eine Fülle von Indikatoren berücksichtigt. Der Wechselkurs spiele dabei zwar eine Rolle, aber keine ausschlaggebende. Auch auf die Frage nach möglichen Stützkäufen zur Stabilisierung des Dollars betonte er, das Euro-System habe kein Wechselkursziel, sondern das der Preisstabilität. Nach den Untersuchungen der Bundesbank sei im Übrigen die Entwicklung des Welthandels wichtiger für die Konjunktur als der Wechselkurs gegenüber dem Dollar.

Nicht alle Exporte betroffen

43 Prozent der deutschen Exporte seien nicht vom hohen Euro-Kurs betroffen, da sie in den Euro-Raum gingen. Auch hätten die Entlastungen durch billigere Importe kompensatorische Effekte. Remsperger räumte aber ein, dass der starke Euro das Exportwachstum insgesamt etwas bremse. Im Übrigen mahnte er zur Einhaltung des Euro-Stabilitätspakts. Die deutsche Bundesregierung müsse alle Anstrengungen unternehmen, die Konsolidierung fortzusetzen. Die Beschädigung des Pakts Ende letzten Jahres sei enttäuschend und ärgerlich gewesen, kritisierte das Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. (APA/AP)

Share if you care.