Aus "Illyriern" werden Habsburg-Nationale

9. Jänner 2004, 22:16
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Der Dank für Banus Jellacic' Bündnis mit der Reaktion blieb aus

Ich wollte mein Volk lieber unter dem türkischen Joch sehen als unter dem ausschließlichen Einfluss seiner anderen, zivilisierten Nachbarn. Denn die Türken begnügen sich mit dem Vermögen und bisweilen auch mit dem Leib der geknechteten Völker. Die zivilisierten Nationen aber verlangen von denen, über die sie herrschen, außer Vermögen und Leib auch noch die Seele, das heißt die Nationalität." Dieser von rauschendem Beifall begleitete Stoßseufzer des Vizebanus Georg Jellacic im kroatischen Landtag, dem Sabor, charakterisierte die Situation, in der sich nationalbewusste Kroaten in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts sahen.

Der Redner war der Bruder des damals bereits verstorbenen Feldmarschalls und Banus Josip Jellacic, dessen Reiterdenkmal heute wieder - nach einer Unterbrechung in der kommunistischen Ära - auf dem Hauptplatz von Zagreb steht. Dieser in Kroatien als Nationalheld verehrte Mann ist weder bei der österreichischen Linken noch bei den Ungarn in guter Erinnerung. Josip Jellacic hatte im Oktober 1848 zusammen mit Fürst Windischgrätz die Revolution in Wien ausgelöscht und seine kroatischen Truppen gegen die aufständischen Ungarn geführt. Für diese Loyalität zum Kaiserhaus, zugleich ein Bündnis mit der Reaktion, erwartete Jellacic eine stärkere Berücksichtigung der kroatischen Eigenständigkeit im Rahmen der Monarchie. Aber der "Dank vom Hause Österreich" blieb mager. Der Wunsch der Kroaten nach Einverleibung des Gebiets der Militärgrenze sowie Dalmatiens, wodurch das "dreieinige Königreich" des Mittelalters wiederhergestellt werden sollte, blieb unberücksichtigt; lediglich die Hafenstadt Rijeka/Fiume, seit 1471 österreichisch und 1776 der ungarischen Krone übergeben, wurde Kroatien angeschlossen. Vorübergehend war Kroatien ein der Wiener Zentrale direkt unterstelltes eigenes Kronland wie Ungarn auch, was eigentlich als Degradierung der "Königreiche" empfunden wurde. Die Vereinigung Kroatiens mit Ungarn wurde schließlich durch den "Ausgleich" des Jahres 1867 wiederhergestellt.

Dieser Entwicklung waren freilich stürmische Jahrzehnte vorausgegangen, die das nationale Erwachen der Kroaten - wie anderer Völker des Habsburgerreiches auch - beflügelten. Napoleon hatte von Österreich im Frieden von Campo Formio (1797) die Abtretung Belgiens und Mailands erzwungen, dafür aber das Gebiet der von ihm aufgehobenen Republik Venedig mitsamt der istrischen und dalmatinischen Küste überlassen. 1805 nahm er dem unterlegenen Kaiser Franz diese Erwerbungen wieder weg und vereinte sie 1809 mit Westkärnten, Krain, Görz und Triest zu den direkt Frankreich angeschlossenen "Illyrischen Provinzen"; auch die freie Stadt Ragusa/Dubrovnik wurde ihnen einverleibt. Mit der französischen Herrschaft war ein für Recht, Verkehr und Wirtschaft bedeutsamer Reformschub verbunden. Als mit dem Wiener Kongress die früheren Grenzen wiederhergestellt wurden, ließ Österreich noch ein "Illyrisches Königreich" bestehen - mit ganz Kärnten, jedoch ohne Kroatien, das nun wieder zur ungarischen Krone gehörte.

Das ephemere, nach seinen antiken Bewohnern benannte Illyrien beseelte die Gedankenwelt des kroatischen Literaten Ljudevit Gaj. In beiden Gebilden hatten Slawen - im französischen Illyrien die Kroaten, im österreichischen die Slowenen - den stärksten Bevölkerungsanteil gebildet. Gaj suchte nach einer gemeinsamen, auf der Volkssprache beruhenden Schriftsprache für alle Südslawen - von den Alpen bis zum Schwarzen Meer - und nannte sie die "Brüder Großillyriens". Auf dieser Kulturbewegung beruhte das Wiedererwachen südslawischen Nationalbewusstseins; in Kroatien formte Graf Janko Draskovic mit kirchlicher Unterstützung eine Illyrische Partei. Der "Illyrismus", zunächst der Versuch, das "dreieinige Königreich", freilich unter Habsburg, wiederherzustellen, erregte vor allem bei der ungarischen Aristokratie Anstoß; sie war ja auf die magyarische Vorherrschaft über Kroatien eingeschworen. 1843 wurde in Kroatien der Gebrauch der Bezeichnungen "Illyrien, Illyrier, Illyrismus" (in den ersten kroatischen Zeitungen gebraucht) untersagt. Im Sabor allerdings erreichten die Illyrier, die sich nicht mehr so nennen durften, die Mehrheit.

Hatte in den ersten zwei Jahrzehnten der Regierungszeit Kaiser Franz Josephs der zentralistische Druck aus Wien die magyarische Bevormundung Kroatiens abgelöst, so musste dieses nach dem "Ausgleich" von 1867 einen neuen Modus Vivendi mit Ungarn suchen, dem nun als selbständigem Teilstaat der Monarchie mit Ausnahme von Außenpolitik, Armee und deren Finanzierung alle übrigen legislativen und exekutiven Kompetenzen überlassen worden waren. Im Gegensatz zum österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 war der ungarisch-kroatische Ausgleich im Jahr darauf asymmetrisch. Dieser "Subdualismus" war für die Kroaten keineswegs vorteilhaft, sie waren in politischer und wirtschaftlicher Beziehung der magyarischen Vorherrschaft unterworfen.

Der kroatische Landtag, gewählt nach einem Zensuswahlrecht, hatte keine gesetzgebende Zuständigkeit. Der Banus von Kroatien wurde vom Kaiser auf Vorschlag des ungarischen Ministerpräsidenten ernannt. Vor allem Graf Khuen-Hedervary erwies sich durch zwei Jahrzehnte als Vertreter einer unnachgiebigen Magyarisierungspolitik. Landtag und Banus delegierten die kroatischen Abgeordneten in den ungarischen Reichstag, der allein gesetzgebende Kompetenz hatte. Der Bischof von Djakovo, Josip Juraj Stroßmayer, ein Hauptförderer des nationalen Selbstbewusstseins der Kroaten, kämpfte als Führer der Kroatischen Volkspartei im Budapester Reichstag für die Durchsetzung der kroatischen Interessen. Immer wieder spielte dabei die Frage der Amtssprache eine bedeutende Rolle, und die Einführung des Ungarischen im Eisenbahnwesen hatte heftige Proteste in Kroatien zur Folge. Der meist um Verständigung bemühte Stroßmayer musste schließlich die Spaltung seiner Partei durch Kroatisch-Nationale zur Kenntnis nehmen, die statt des k.u.k. Dualismus in einem "Trialismus", der die Südslawen zu gleichberechtigten Partnern in der Monarchie machen sollte, die Lösung des Problems sah.

Die Okkupation des noch formell dem Sultan unterstehenden Bosnien-Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahr 1878 hatte die Situation in Südosteuropa grundlegend verändert. Als eine Offiziersverschwörung das österreichfreundliche Königshaus Obrenovic auslöschte und Peter Karadjordjevic auf den Thron setzte (1903), sich Serbien Russland zuwandte und Österreich 1908 das von den Serben beanspruchte Bosnien annektierte, begann der Schwelbrand, der sich zum verzehrenden Feuer des Ersten Weltkriegs entwickeln sollte.(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11. 1. 2004)

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