Die voyeuristische Weise der Gasse

21. Jänner 2004, 13:02
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Eine Monsterschau im Pariser Centre Pompidou würdigt die 50-jährige Lebenskünstlerin Sophie Calle als Ikone der französischen Kunstszene

Mit der Monsterschau "M'as-tu vue" ("Hast du mich gesehen") auf 1100 Quadratmetern im Pariser Centre Pompidou wird die 50-jährige Lebenskünstlerin Sophie Calle endgültig als Ikone der französischen Kunstszene installiert.


Paris - Der köstliche Schmerz der Sophie Calle, eingebunden in die hervorragend präsentierte Autofiktions-Ausstellung M'as-tu vue (Hast du mich gesehen) dieser zeitgeistigen Scheherazade, ist bis zum 15. März im Centre Pompidou eine obligatorische Mit-Leid-Station der internationalen Kunstpilgerschaft.

Das subtile Gleichgewicht zwischen Fotografie und Text, deren Kombination ein Markenzeichen der Künstlerin Sophie Calle ist, wird erstmals in einer Personale durch eine Videoprojektion ergänzt: Unfinished, ursprüngliche Auftragsarbeit einer amerikanischen Bank.

Sophie Calle berichtet selbst von ihrer langjährigen Unfähigkeit, eine Arbeit zum Begriff "Geld" zu machen. Durch die Bemerkung eines Freundes: "Du kannst dich nur mit Mangelerscheinungen auseinander setzen. Da du Geld hast, kannst du mit dem Thema nichts anfangen", kam der Kick für das Video, mit dem Sophie Calle Humor, Selbstironie und Sprachbewusstsein (systematisch nimmt sie die Sprache beim Wort) beweist. Sie filmt z.B. Hände von Bankkassierern, um den Geruch oder die Farbe des Geldes aufzuspüren.

Calles sprachbezogene Ironie beginnt mit der Eigendefinition ihres Namens: "Sophie" heißt auf Griechisch "Weisheit" und "calle" auf Spanisch "Gasse". Der Name der Dame bedeutet also "Gassenweisheit". Was ihrer künstlerischen Tätigkeit als analytische Scheherazade der Alltagsbanalität ziemlich gut entspricht.

Pervertierte Rituale

Sie amüsiert, provoziert, irritiert, dekliniert und pervertiert gesellschaftliche Rituale. Sie stellt für sich selbst Regeln auf, nach denen sie in ihren programmatischen Arbeiten vorgeht. Sie fotografiert und registriert in einem venezianischen Hotel das Hab und Gut der Touristen; verfolgt in Venedigs Gassen einen Mann; schickt ihr Bett nach Kalifornien, weil ein an Liebeskummer leidender Mann sie bat, sich in ihrem Bett auskurieren zu dürfen - und dokumentiert rigoros alle diese Ereignisse.

Calles spektakulärste Aktion begeisterte die Massen am 5. Oktober 2002, als sie im vierten Stock des Eiffelturms eine ganze Nacht im Bett saß und Leuten zuhörte, die ihr eine maximal fünfminütige Story aus ihrem Leben erzählten. Hunderte Menschen warteten am Fuß des Eiffelturms darauf, sie vom Einschlafen abzuhalten.

Ein weiteres Calle-Paradebeispiel war der am 16. April 1981 erteilte Auftrag an einen Detektiv, sie einen Tag lang zu beschatten. Seinen Bericht plus Fotos, plus Eigenkommentar, veröffentlichte sie. Exakt zwanzig Jahre später wiederholte Calles Galerist den detektivischen Auftrag. Alle diese exhibitionistischen Projekte sind im Centre Pompidou ausgestellt.

Den größten Raum der nach Themen geordneten Ausstellung (Schmerz, Bettgeschichten, Mangel), die wie eine öffentliche Spurensuche des eigenen Ichs anmutet, nimmt Calles Arbeit Douleur exquise (Köstlicher Schmerz) ein. Die minutiöse Beschreibung ihrer fantasierten Liebesgeschichte, die sie drei Monate lang (Tag minus 90 bis minus 1) vor dem - nicht eingehaltenen - Treffen mit dem Geliebten dokumentiert. Inklusive Rekonstitution des Hotelzimmers, in dem sie vergeblich auf den Herrn wartete sowie weitere wochenlange Berichte über das Abklingen des Schmerzes.

Andächtig stehen die BesucherInnen vor den (mit einigen Ausnahmen) schlechten Fotos und lesen sämtliche darunter gehängte Schrifttafeln, die wie schwarze Grabsteine mit weißer Aufschrift wirken. Mit dem Verarbeiten der Seelenpein wird der Grund heller, die Schrift verschwimmt bis zur Unleserlichkeit.

Narzisstisches Manifest

Bereits das - an der Fassade des Centre Pompidou befestigte - Plakat, das auch den als Werkverzeichnis konzipierten Katalog dekoriert, ist ein narzisstisches Manifest: Zur Rechten von Sophie Calles Fotoporträt befindet sich eine Augentesttafel, die mit immer kleiner werdenden Buchstaben den Ausstellungstitel anzeigt: SOPHIE CALLE M'AS-TU VUE.

Sophie Calles fiktiv-autobiografische "Geständnisse" beruhen auf einer voyeuristischen Persönlichkeit, die ihre Neurose in ein künstlerisches Ritual umzusetzen - und zu verkaufen weiß. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.1.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert

Link

centrepompidou.fr

  • Das Eintauchen in die Intimsphäre anderer als künstlerisches Ritual zeigt die umfassende Schau der Arbeiten von Sophie Call im Pariser Centre Pompidou.
    foto: centre pompidou / calle
    Das Eintauchen in die Intimsphäre anderer als künstlerisches Ritual zeigt die umfassende Schau der Arbeiten von Sophie Call im Pariser Centre Pompidou.
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