Tunnel entzweit Tiroler Landespolitik

13. Jänner 2004, 13:10
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Kritiker befürchten neue Transitschneise

Innsbruck/Haiming - In der Gemeinde Haiming im Tiroler Oberland wird die Bevölkerung am Sonntag zu einem Straßentunnelprojekt befragt, das die in Transitfragen meist geschlossene Tiroler Politlandschaft entzweit. Für ÖVP und SPÖ ist der geplante Tschirganttunnel zwischen Nassereith und Haiming "unverzichtbar" (VP-Landeshauptmann Herwig van Staa), da er "eine bessere Anbindung des Außerfern an den Zentralraum Innsbruck gewährleistet" (SP-Verkehrslandesrat Hannes Gschwentner).

Grüne und Transitforum Austria-Tirol sind gegen das Tunnelprojekt. Sie sehen die Gefahr, dass mit dem Bau des Tunnels auf der Fernpassroute ein entscheidender Schritt für eine neue Transitschneise durch Tirol gesetzt werde. Als Bekräftigung verweisen beide unabhängig voneinander auf ein in der Öffentlichkeit bisher kaum bekanntes Forderungspapier der Union Europäischer Industrie- und Handelskammern (UECC) zur europäischen Verkehrspolitik vom März 2003.

Achse Ulm-Mailand

Im Kapitel "Straßenverkehr" findet sich die "Errichtung Tschirganttunnel" (neben dem "Ausbau der Fernpassstrasse" und der "Untertunnelung des Fernpasses") als eines von drei Bauvorhaben auf der "Achse Ulm-Fernpass-Reschen-Mailand". Diese Achse wiederum zählt für die UECC zu 14 prioritären Projekten, um die "wichtigsten Lücken und Engpässe" in Europas Verkehrsnetz zu beseitigen: Sie "sind Teil der großen transeuropäischen Verkehrskorridore und damit von strategischer Bedeutung für die Wirtschaftsentwicklung in Europa", meint die UECC. Deren derzeitiger Präsident ist übrigens Österreichs Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl.

Der Haiminger Bürgermeister, Josef Leiter (VP), ist skeptisch: "Das Projekt bereitet uns allen Bauchschmerzen. Aber es macht überhaupt keinen Sinn, die Verhandlungen abzubrechen. Dann fährt man über uns drüber". Das Ergebnis der Befragung ist für ihn aber jedenfalls "bindend". Van Staa hat die Haiminger bei einer sehr emotionalen Bürgerversammlung vergangenen Sonntag gewarnt: "Ihr könnt mit Nein stimmen. Aber bedenkt, was dies für die Verhandlungsposition der Gemeinde bedeutet."

Während van Staa das Projekt auch zur Verkehrsentlastung in der Region (Mieminger Plateau, Gurgltal) für nötig hält, steht für Gurgiser die "internationale Glaubwürdigkeit Tirols" auf dem Spiel: "Wer zu Hause Straßenbau in "sensiblen Regionen forciert", könne nicht verlangen, dass "Flachländer" in der EU diese Regionen als "sensibel" einstufen. (bs/DER STANDARD, Printausgabe 10./11.01.2004)

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