Aufpolierte Geschichte

10. Jänner 2004, 10:00
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Die Rekonstruktion des Café Museum ist gescheitert: nicht Fisch, nicht Fleisch und schon gar nicht Loos

Schwach zucken die Winkel des blassviolett geschminkten Mundes, die Augen schimmern ehrfürchtig. Die leicht herabgesunkene Hand der Dame am Kaffeehaustisch hält den Vienna-in-two-days-Guide. "A real Loos" habe sie gesehen, wird die Amerikanerin ergriffen zu Hause erzählen: eine Rarität und doch keine Seltenheit in der Stadt, in der die Kultur zu Hause ist. Und wo sie nicht mehr ist, da wird sie einfach neu gemacht und ganz nach Belieben wiederaufgelegt, frei nach dem Motto, was kostet ein echter Loos im Reprint, wer hat noch nicht, wer will noch mal? Der historische Musterkatalog ist dick genug und schier unerschöpflich, für jeden Geschmack etwas, bitte schön.

Seit Dezember hat nach zweieinhalb Monaten "Renovierung" eines der berühmtesten Wiener Kaffeehäuser wieder geöffnet. Vor über 100 Jahren gestaltete Adolf Loos die Räume, dreißig Jahre später erfolgte ein Umbau durch Josef Zotti, das vormalige Interieur verschwand. Jetzt wird das Café als Originalrekonstruktion der einstigen, legendären Räume angepriesen. Wien, die Stadt mit ihrem tief verankerten und ziemlich fragwürdigen Faible für retrospektive Blicke, hat mit dem neu aufgelegten Café Museum ein Spektakel mehr zu bieten.

Auf dem Höhepunkt verplüschter Salonkultur

1899 erhielt der bis dahin weniger mit Bauten als mit seinen scharfzüngigen kulturkritischen Polemiken hervorgetretene Adolf Loos den Auftrag zur Gestaltung eines Cafés am Karlsplatz. Über die Vermittlung des Wiener Architekten Max Fabiani war der Bauherr Ferdinand Rainer zu Loos gekommen. Es begann eine Zusammenarbeit, die anfänglich nicht reibungsfrei verlief, später jedoch von hoher Akzeptanz und großem Respekt für Adolf Loos getragen war, wie übrigens oft bei Loos und seinen Auftraggebern. Schließlich bezog der Architekt bei der Gestaltung des Cafés eine singuläre und sehr spezielle Position. Auf dem Höhepunkt verplüschter Salonkultur und überbordender Zitate einerseits, sezessionistisch-raumkünstlerischer Gesamtkonzeptionen auf der anderen Seite orientierte sich der junge Loos ebenfalls an der Geschichte, allerdings an Gestaltungsprinzipien aus der Zeit um 1830, einer Zeit, in der es noch keine "Stilmeierei" gegeben hätte, so Loos. Das Ergebnis war ein schlichtes, ja für die Zeit karges, mit wenigen präzisen Akzenten eingerichtetes Kaffeehaus. Die räumliche Anordnung schloss an die traditionelle Kaffeehausanlage an; hakenförmiger Grundriss, zwei gestreckte Raumflanken entlang den zwei Straßenfronten, Eingang an der Ecke, die Sitzkasse genau gegenüber. Kontraste dominierten das Erscheinungsbild; englische Tapeten "in mattem Grün, das mit löschpapierartigem Korn wirkt", weiße Decke in abwaschbarer Ölfarbe, Kasse und Billards in dunklem Mahagoni und Messing als Einfassung zum Schutz.

"Sehr nihilistisch, aber appetitlich, logisch, praktisch"

Gasröhren aus Messing zogen sich an der Wand entlang um das ganze Lokal und bildeten in ihrer Doppel-, ja Dreifachfunktion eines der beeindruckendsten Details. Die Gasleitungen dienten gleichzeitig als Hutablage und boten den Kabelschnüren der Kohlefaserlampen ein zartes Gerüst. Es gab sowohl elektrisches wie auch Gaslicht, für den Fall eines Kurzschlusses. Auch die rot gebeizten Buchenholzstühle waren ein Entwurf von Loos. Er hatte Bugholzmodelle von Kohn und Thonet überarbeitet und einen elliptischen anstatt eines runden Holzquerschnitts verwendet. Die Außenfassade des Cafés wurde in glattem, schlichtem Reibeputz ausgeführt, der mit den Gliederungen der darüber liegenden Geschoße kontrastierte. Nach der Eröffnung 1899 - ein Jahr vorher entstand übrigens in unmittelbarer Nähe das Gebäude der Secession von Joseph M. Olbrich - erregte das schlichte, spartanische Interieur beträchtliches Aufsehen. "Etwas nihilistisch zwar, sehr nihilistisch, aber appetitlich, logisch, praktisch", kommentierte etwa Ludwig Hevesi das neue Café am Karlsplatz. Rasch entwickelte sich das "Museum" zum Treffpunkt von Malern, Musikern und Literaten und avancierte mehr als einmal zum literarischen Topos. Elias Canetti beschrieb später seine täglichen Pilgergänge in das Café am Karlsplatz. Über ein Jahr beobachtete er fasziniert den ernsten, schweigenden, immer Zeitung lesenden Karl Kraus. Hermann Broch, Anna Justine Mahler, geschiedene Zsolnay, deren Atelier nur unweit in der Operngasse lag, und viele andere prominente Gestalten fanden sich regelmäßig im "Museum" ein. Hier wurden Romane geschrieben und verrissen, Freundschaften geschlossen und wieder gelöst. Die Trinität der Wiener Kaffeehäuser formierte sich aus Herrenhof-Museum-Central.

Möchtegern-Sanktuarium am Karlsplatz

Gute hundert Jahre später war das "Museum" von Loos schon längst eine Geschichte der Vergangenheit. Bereits in den Dreißigerjahren hatte Josef Zotti die Räume vollkommen neu gestaltet. Nun hat sich wiederum alles geändert. Seit dem 11. Dezember erblickt das geblendete Auge das blinkende und blitzende Interieur des einstigen Café Museum am Karlsplatz. Die neue Betreibergesellschaft Vivat war nach "reiflichen Überlegungen" einfach über ihren Schatten gesprungen. Tatsächlich, so die Herren von Vivat, stand man vor einer epochalen Entscheidung und - jawohl, so der Geschäftsführer Herbert Frotzler, wagte "den Schritt zurück"! So viel Mut macht zuerst einmal sprachlos. Beim ersten Besuch im Möchtegern-Sanktuarium am Karlsplatz springt die Tapetenwand ins Auge. Eine hell-/dunkelgrün gestreifte Malerarbeit auf handelsüblicher Gewebetapete anno 2003 - das soll Loos sein? Aber so kleinlich wollen wir nicht sein. Die "Renovierung" als Ganzes zeigt exemplarisch das Missverständnis reinen Kopierens im Unterschied zu einem auf Verständnis beruhenden nachempfindenden Gestaltungsprozess. Doch viel weniger geht es hier um die Frage des Gelingens oder der Genauigkeit der ohnehin äußerst fragwürdigen Rekonstruktion. Es ist vielmehr die Absurdität der Retro-Inszenatorik insgesamt, deren Unsinnhaftigkeit sich auch im Detail entlarvt. Gestaltungen, die einst gezielten, zweckmäßigen Überlegungen entsprangen, verkommen hier zu Karikaturen ihrer selbst und wirken wie Fratzen einstmaliger künstlerisch-architektonischer Innovation. Was bringen nachgestaltete Lampenkörper, wenn sie nicht mehr mit Gas betrieben werden? Farbüberlegungen und Lichtwirkungen im Café waren auf eine vollkommen andere Beleuchtungssituation abgestimmt. So könnte die - ohnehin müßige - Beobachtung in einer ganzen Reihe von Beispielen fortgesetzt werden, bis hin zum Fußboden, wo man bei der Rekonstruktion mit dem Latein am Ende war und nicht mehr herausfinden konnte, wofür sich Loos damals entschieden hatte. So ist es jetzt halt ein Eichenparkett geworden. Was hätte Loos dazu gesagt? "Wenn wir einen Gegenstand kopieren, so müssen wir ihn genau kopieren. Wer vor der eigenen Zeit keine Hochachtung empfindet, dem fehlt sie auch vor der Vergangenheit."

Loos ein Enfant terrible der Architektur zu seiner Zeit

Wer war nun Adolf Loos, der Architekt, der das "Café Nihilismus" gestaltete? Bauskandale, allen voran jener des Hauses am Michaelerplatz im Jahr 1911 begleiteten seinen Namen und ließen ihn als Enfant terrible der Architektur in die Geschichte eingehen. Viele Anekdoten sind übrig geblieben und weniger ein differenziertes Verständnis für den brillanten Architekten und Kritiker. Die singuläre Position des Adolf Loos, die sich in keine Entwicklungsreihe stellen lässt, ist wie die schräge Kaiserin, die tanzenden Rösser der Hofreitschule oder der schwüle Gustav Klimt in ein klischiertes Wien der Vergangenheit eingepfercht worden: Der hat's dem Kaiser gezeigt mit seiner nackten Fassade! Ein Skandal, der Michaelerplatz. Mit dem Arsch ins Gesicht!

Bilder wie diese überlagern reale Zusammenhänge und Befindlichkeiten der Zeit. Loos hingegen äußerte sich zu seiner Zeit nicht nur zu Architekturthemen. Seine Polemiken hielten die Stadt in Atem. Sie trafen fast immer am empfindlichsten Nerv, messerscharf und dabei mit geschmeidiger Eloquenz. Launig und scharfzüngig analysierte er die Befindlichkeiten seiner Zeitgenossen. Bürgerlicher Pomp und Eklektizismus waren die bevorzugten Zielscheiben seiner Kritik. Seine Beiträge, unter anderem in der Neuen Freien Presse, provozierten und entlarvten schonungslos die Oberflächlichkeiten einer Gesellschaft, die er der unersättlichen Dekorationslust bezichtigte. Seine selbst errichtete gestalterische Moral, seine Kritik des Ornaments duldete keinen Widerspruch und war manchmal vielleicht auch ein wenig übertrieben, Hermann Broch nannte ihn spöttisch einen "Zweckmäßigkeitsapostel".

Loos hätte wohl mit beißendem Spott reagiert

Wie kaum ein Zeitgenosse formulierte Loos kulturkritische Zusammenhänge, die nach wie vor bestechen und - vor allem auch - amüsieren. Etwa der Versuch der Analyse und kausalen Herleitung der österreichischen Psyche über den Genuss zu vieler Zwetschkenknödel, eine der ungewöhnlichsten und originellsten Loosschen Kulturpolemiken. Auf das, was dem Café Museum jetzt widerfahren ist, hätte er wohl mit beißendem Spott reagiert. "Ich habe durch meine Lehren nur Unheil gesät. Obwohl ich Ihnen danke, dass Sie mir so viel Interesse schenken, rate ich Ihnen ab, auf meine Sachen einzugehen", schreibt Loos 1929 in einem ironischen Brief an einen deutschen Möbelfabrikanten.

Auf das, was als Nächstes in Sachen gestalterische Retrospektive kommen wird, darf man durchaus gespannt sein. Die Secession ist nicht weit entfernt, da ließe sich noch einiges machen. Vielleicht eine Rückgestaltung des Wiener Naschmarktes. Marktstände original Jahrhundertwende mit feschen Marktweibern, der Abschnitt bis zu den Häusern von Otto Wagner an der Wienzeile könnte als Jugendstilmeile laufen. Betreiber werden sich finden. Aber wenn schon, dann richtig, warum nicht gleich aufs Ganze gehen? Das einst geplante Kaiserforum vor der Wiener Hofburg wäre noch im Sinne von Gottfried Semper und Carl Hasenauer zu vollenden. Her mit den Triumphbögen, den Kolonnaden, der riesigen Anlage des 19. Jahrhunderts. Doch genug geträumt. Zurück in die Gegenwart. Und da bleibt einem nichts erspart. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.1.2004)

Von
Von Gabriele Reiterer

architektur@
derStandard.at

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    Stumpfe Wandfarbe statt der edlen Stoffbespannung, sinnentleerte Messingröhren, die einst die Gaslampen versorgten,...

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    ... ein Fußboden ganz nach Belieben: nicht Fisch, nicht Fleisch und schon gar nicht Loos. ...

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    ...Immerhin, die heiße Schokolade ist köstlich im neuen alten und insgesamt unbefriedigenden Café Museum.

  • So wars einmal...
    foto: standard/cremer

    So wars einmal...

  • ... das Café Museum noch im Frühjahr 2003.
    foto: standard/cremer

    ... das Café Museum noch im Frühjahr 2003.

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