Von Pleiten, Pannen und Prüfern

30. September 2004, 15:15
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Der Parmalat-Skandal wirft erneut ein schlechtes Licht auf die Zunft der Wirtschaftsprüfer - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Luca Pacioli würde sich im Lichte des Parmalat-Skandals in seinem Grab umdrehen: Was ist aus dem Gedankengut des Mönches geworden, der 1494 die Basis für die doppelte Buchführung legte? Wenn ein 7,6-Mrd.-Vorzeigeunternehmen plötzlich mit zehn Mrd. Euro Schulden insolvent wird, weiß man, dass groteske Betrugsmanöver von den bestellten Wirtschaftsprüfern einmal mehr nicht enthüllt wurden. Wen wundert es daher, dass auf die Frage "Was assoziieren sie mit Wirtschaftsprüfern?" 43,7 Prozent "Skandale, Krisen, Imageprobleme" und 18,7 Prozent "fehlerhafte Arbeit" antworteten.

Mangelnde Distanz und Vermischung von Prüfung und Beratung werden kritisiert. Schwer erschüttert ist die Prüferprofession - trotz Wachstum, Konzentration und Globalisierung sinken die Margen im Prüfungsgeschäft. Einstieg ins lukrative Beratungsgeschäft und eine "Entente Cordiale" mit den Auftraggebern zur Sicherung der Mandate sind die Folge. Und je größer, komplexer und damit honorarreicher der Kunde, desto größer die Versuchung. Dabei werden Prüfer als unabhängige, integre und objektive Sichersteller von Transparenz bei zunehmender Kapitalmarktabhängigkeit für Unternehmen wichtiger. Dafür müssen sie ihrer Rolle durch Veränderungen gerechter werden:

1 Komplexitätsbegrenzung bei den Unternehmen: "Unregelmäßigkeiten", so die Ermittler im Fall Parmalat, "fanden sich in jeder einzelnen Gesellschaft der Gruppe." Davon gibt es gleich 137, ein Großteil in Steueroasen. Komplexe Pyramidenstrukturen zur geschickten Steueroptimierung sollten von vornherein eingegrenzt werden. Auch Bilanzierungssysteme können zu kompliziert sein, so wie beim Krankenversicherer Oxford Health Plans, der selbst nicht wusste, ob er Gewinn oder Verlust machte - ein Problem, das zwar die Ärzte bemerkten, deren Rechnungen nicht bezahlt wurden, das aber den Prüfern und der Börsenaufsicht verborgen blieb.

2 Mehr Unabhängigkeit der Prüfer, mehr "Checks & Balances": Dreh- und Angelpunkt ist der Interessenkonflikt. Kritische Distanz setzt nämlich Unabhängigkeit voraus. Eine übergeordnete Instanz, die für einheitlich hohe Prüfungsstandards sorgt - nach dem Vorbild des Public Company Oversight Board - wird auch für Europa angedacht. Kontrollen und Vorschriften führen nur zum Teil aus dem Dilemma - ein wirksames Kontrollsystem, wie H. M. Enzensberger formulierte, müsse immer größer sein als das kontrollierte System, und eine solche Superbehörde ist nicht machbar. Was spricht dagegen, Wirtschaftsprüfer - ähnlich wie Notare - als öffentlich bestellte, unabhängige Instanzen zu etablieren?

3 Tiefes Geschäftsverständnis über Zahlen hinaus: Zahlenwelt und Wirklichkeit klaffen in Zeiten der gestiegenen Bedeutung immaterieller Werte und der volatilen Märkte zunehmend auseinander. Investoren wollen aber glaubwürdig über Wert und Leistungskraft des Unternehmens Auskunft bekommen. Risikoabschätzung ist ein anspruchsvolles Terrain, das aus der vergangenheitsorientierten Wirtschaftsprüfung ein "Business Audit" macht.

Um diesen Anspruch zu erfüllen, müssen Prüfer hochqualifiziert und spezialisiert sein und über tiefe Unternehmenskenntnisse durch große Kontinuität verfügen. Zeit- und Budgetdruck sind kontraproduktiv. Kants Appell - "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen" - gilt 200 Jahre nach seinem Tod gerade auch für die Wirtschaft und ihre Prüfer. Neben Engagement und Kreativität ist die aufklärerische Verpflichtung zur "Wahrhaftigkeit" Grundlage des Erfolgs. Denn letztendlich muss - frei nach Kant - das "moralische Gesetz in uns sein", und nicht nur bei den Prüfern. (DER STANDARD Printausgabe, 10./11.01.2004)

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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