Schauder der Wissenschaft

16. Jänner 2004, 12:19
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Das "untersuchende Erzählen" Leonardo Sciascias

In Italien sind seit mehr als einem Jahrzehnt Leonardo Sciascias gesammelte Werke verfügbar. Im deutschsprachigen Raum wurden seit den erfolgreichen Verfilmungen seiner Krimis in den Siebzigerjahren viele Bücher übersetzt, aber von verschiedenen Verlagen, manchmal unter reißerischem Titel, auf unsystematische Weise veröffentlicht.

Das hat sich bis heute nicht geändert. In den vergangenen Jahren wechselten sich Zsolnay und Wagenbach bei der Herausgabe von Sciascia-Bänden ab, wobei sie beim letztgenannten Verlag offenbar besser aufgehoben sind. Salz und Brot, Sciascias erster Erzählband, fünfzig Jahre nach der italienischen Erstveröffentlichung übersetzt, ging ziemlich unter. Wagenbach hatte zuvor eine schöne Ausgabe des Erzählbands Das weinfarbene Meer herausgebracht. Was vermutlich nicht vielen deutschsprachigen Lesern klar ist: Sciascias Werke sind keine Genreliteratur, sondern die Schöpfungen eines bedeutenden Erzählers mit großem Horizont, zu dessen Tugenden die Konzentration aufs Wesentliche und der entsprechend knappe literarische Ausdruck gehören.

Anders als sein plauderhafter sizilianischer Landsmann Andrea Camilleri war Sciascia nie ein reiner Krimiautor, oder besser gesagt: Sciascia war beides, ein echter Krimiautor insofern, als er sich die idealtypische Rationalität dieses Genres zur strengen Maxime machte, und mehr als ein Krimiautor, weil ihn Kriminalfälle immer nur interessierten, wenn sie über Tageschronik und Nervenkitzel hinauswiesen. Das ist bei den Mafia-Romanen ebenso der Fall wie bei seiner Untersuchung der Affäre Aldo Moro, dem großen Prüfstein der italienischen Politik der Siebzigerjahre. Es ist auch der Fall bei zwei so genannten racconti-inchiesta, dem über den französischen Präsurrealisten Raymond Roussel und dem über den Atomphysiker Ettore Majorana.

Racconto-inchiesta, das meint, dass die Struktur und die Spannung einer Erzählung aus dem oft minutiösen Fortgang einer kriminalistischen Untersuchung gewonnen werden. Keine sonstigen Einkleidungen, keine erzählerischen Tricks. Allein die Intelligenz und die Tatsachenaufmerksamkeit eines neugierigen, von einigen wenigen ethischen Prinzipien geleiteten Menschen setzen das erzählerische Potenzial frei. Bemerkenswert und bezeichnend für die Verhältnisse, denen sich der Autor schreibend aussetzt, ist der Umstand, dass gerade die schärfste Logik oft ins düstere Feld der Aporien führt. In Das Verschwinden des Ettore Majorana bemerkt Sciascia: "Völlig 'rational' ist das Geheimnis von Ursache und Wirkung, ein stetes und dichtes Gewebe von Bedeutungen, das von einem Punkt zum anderen, von einer Sache zur anderen, von einem Menschen zum anderen führt - kaum sichtbar, fast unaussprechlich." Das Gespinst der Kausalität hat eine mysteriöse, ja mystische Kehrseite. Die schärfste Logik führt zu den beunruhigendsten Konstellationen.

In Der Tod des Raymond Roussel erfährt der Leser letztlich keine Antwort auf die Frage nach der genauen Todesursache des französischen Präsurrealisten, und auch das Verschwinden des Atomphysikers Ettore Majorana wird nicht verbindlich aufgeklärt, wiewohl das Buch mit den - rätselhaft nachhallenden - Sätzen endet: "Wir haben wenige Fragen gestellt, er (ein Mönch, Auskunftsperson für den Untersuchenden) hat viele erraten und ist ihnen ausgewichen. Aber wir antworten: Ja. Und es ist die Wahrheit." Wahrheitsliebe gehört zu den ethischen Tugenden Sciascias. Doch ebenso drängend ist das Bewusstsein um die zahllosen Falltüren der Wahrheit. Der Tod des Raymond Roussel ist ein kleineres Werk Sciascias, weil es nicht, wie das Buch über Ettore Majorana, eine ganze Lebensgeschichte aufarbeitet, sondern sich auf ein höchst seltsames - die vorangegangene Existenz womöglich resümierendes - Lebensende beschränkt. Interessant ist es für Sciascia wie für uns deshalb, weil es die Abgründe einer Psyche und den Grat zwischen Wahnsinn und Vernunft aufzeigt. Das Verschwinden des Ettore Majorana verrät eine andere Unruhe, nämlich die von den Fortschritten der Atomphysik ausgelösten Zweifel über den Sinn von Wissenschaft, die nach Sciascias Hypothese den hoch begabten Physiker dazu brachte, die Bühne menschlicher Betriebsamkeit zu verlassen. Noch vor Heisenberg scheint Majorana die katastrophalen Möglichkeiten der Kernspaltung vorhergesehen zu haben. An den Gräueln, die sich ein Jahrzehnt später tatsächlich ereignen sollten, wollte er nicht mit schuld sein.

Dieselbe Problematik hatte gut zehn Jahre vor Sciascia Heinar Kipphardt in seinem Theaterstück über J. Robert Oppenheimer (1964) aufgeworfen. Anders als Kipphardt ging es Sciascia jedoch nie um Dokumentarliteratur. Was ihn am Krimigenre reizte, war das detektivische Analysieren von Rätseln und Hintergründen, also der vorgängige Prozess des Erkennens, dessen Schwierigkeiten und Grenzen, und auch der Lustgewinn, der dabei abfällt. Diese Haltung brachte es mit sich, dass Sciascia nicht nur das Desaster der Atombombe im Auge hat, sondern das Vernichtungspotenzial der Atomphysik selbst - was bedeutet, dass er jeder Nutzung der Kernenergie skeptisch gegenübersteht. Ein gestandener Agnostiker, kommt er zu dem Schluss, dass Majoranas Bedenken letztlich religiöser Natur waren: Wie kann, wie darf der Mensch mit der Schöpfung umgehen? Und wenn er sich selbst zum Schöpfer aufwirft, wird er dann nicht im selben Atemzug zum großen Vernichter? Majoranas Drama war "ein Drama wie das Pascals. Dass er das religiöse Schaudern vorauslitt, bei dem wir die Wissenschaft eines Tages anlangen sehen werden - wenn sie da nicht schon angelangt ist. Hierin liegt der Grund, weshalb wir diese Seiten über Majoranas Leben niederschreiben." (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.1.2004)

Von Leopold Federmair

Der Autor ist Übersetzer (unter anderem von Sciascias "Der Tod des Raymond Roussel") und Schriftsteller, zuletzt erschien von ihm in der edition selene die Erzählung "Dreikönigsschnee 1723.

  • Leonardo Sciascia, Das Verschwinden des Ettore Majorana. Aus dem Italienischen von Ruth Wright und Ingeborg Brandt. € 13,30/ 96 Seiten. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2003.
  • Leonardo Sciascia, Der Tod des Raymond Roussel. Aus dem Italienischen von Leopold Federmair. € 12.-/ 76 Seiten. Tartin Editionen, Salzburg und Paris 2002.
  • Leonardo Sciascia, Salz, Messer und Brot. Sizilianische Geschichten. Aus dem Italienischen von Sigrid Vagt. € 17,90/ 240 Seiten. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2002.
  • Leonardo Sciascia:, Das weinfarbene Meer. Aus dem Italienischen von Sigrid Vagt. € 10,20/ 168 Seiten. Wagenbach, Berlin 1997 (Taschenbuchausgabe 2003).
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