Arm, hungernd, verkauft

12. Jänner 2004, 19:56
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Neugeborene werden verkauft, Jugendliche als Organspender oder Prostituierte missbraucht: Die weltweiten Einnahmen aus dem Kinderhandel werden auf 1,2 Milliarden Dollar beziffert

Sie werden verkauft, verschleppt, zu Prostitution und Zwangsarbeit gezwungen, im Kriegsdienst missbraucht. Sie sterben an Unterernährung und Krankheit, wühlen auf Mülldeponien nach Essbarem und bleiben zeitlebens Analphabeten. Ein Dossier des vatikanischen Pressedienstes Fides enthält erschreckende Zahlen über den weltweiten Kindesmissbrauch.

Jährlich werden über eine Million Kinder verkauft. Sie werden der Prostitution zugeführt, als billige Arbeitskräfte ausgenützt oder verschwinden spurlos. Der illegale Kinderhandel orientiert sich an richtigen Preislisten: Die Leber eines als Organspender missbrauchten Jugendlichen kostet 30.000 Euro. Der Preis für einen neugeborenen Buben? 50.000 Euro.

Das von der Salesianerin Miela Fagiolo D'Attilia verfasste, zum Tag der Kindermission am 6. Jänner publizierte Dossier beziffert die Einnahmen aus dem illegalen Kinderhandel auf 1,2 Milliarden Dollar jährlich. Allein in Indien werden bis zu 500.000 Mädchen zur Prostitution gezwungen.

In vielen Ländern wie Thailand oder Brasilien werden Kinder in Touristenorte verschleppt, um Urlaubern als billige Lustobjekte zu dienen. In Thailand erwirtschaftete dieses schmutzige Geschäft noch vor wenigen Jahren über zehn Prozent des Bruttosozialprodukts. In der Dominikanischen Republik sind 25.000 Kinder Opfer der Prostitution, in Sri Lanka 30.000.

In Litauen sind über ein Drittel der Prostituierten minderjährig. "Weltweit müssen Kinder als wehrlose Sexsklaven jede Art von Übergriffen erdulden. Ihre einzige Perspektive ist die Ansteckung mit Aids oder anderen Geschlechtskrankheiten", stellt das Dossier lakonisch fest.

Unterernährung

40.000 Kinder sterben täglich an den Folgen der Unterernährung. 200 Millionen leiden an Hunger, 13 Millionen sterben vor dem fünften Lebensjahr an leicht bekämpfbaren Krankheiten wie Durchfall, Masern,Tetanus oder Keuchhusten, weil die dafür nötigen Impfungen und Medikamente fehlen.

In 25 Ländern der Welt sterben mehr als 15 Prozent aller Kinder vor der Vollendung des fünften Lebensjahres. Sierra Leona weist mit 316 von 1000 Kindern die höchste Sterblichkeit auf. Es folgen Niger, Angola und Afghanistan.

121 Millionen Kindern wird das Recht auf Bildung verweigert. Mädchen sind davon mehr betroffen. Im zentralen und südlichen Afrika bleiben 50 Millionen Mädchen nicht nur ohne Schulbildung, sondern werden auch als billige Arbeitskräfte missbraucht.

211 Millionen Kinder werden laut Vatikan-Dossier weltweit zu rechtlosen Zwangsarbeitern degradiert. Die meisten arbeiten in der Landwirtschaft. In Griechenland und Italien werden 3000 albanische Kinder von skrupellosen Geschäftemachern zum Betteln gezwungen. In Portugal, Griechenland und Süditalien gehört Kinderarbeit noch immer zum Alltag.

Aids-Waisen

600.000 Kinder werden jährlich mit Aids angesteckt. Mehr als zehn Millionen hat die Krankheit zu Vollwaisen gemacht. In Ländern wie Zimbabwe hat bereits die Hälfte aller Kinder mindestens ein Elternteil durch Aids verloren.

Titi Bayoh ist ein Soldatenkind. Sieben Jahre lang wurde das Mädchen aus Sierra Leone von der Rebellenarmee RUF zum Kriegsdienst gezwungen. Nach einem Fluchtversuch wurde ihr das RUF-Symbol auf die Brust tätowiert. Sie hatte den Soldaten zu Diensten zu sein und für sie zu kochen. Als ihr schließlich die Flucht gelang, sorgte ein italienischer Missionar dafür, dass ihr die Tätowierung operativ entfernt wurde.

Titi ist nur eine von 300.000 Minderjährigen, die jährlich als Soldaten rekrutiert werden. Manche melden sich, wie im Kongo, freiwillig - aus Hunger und Not. Zwei Millionen Kinder wurden in den vergangenen zehn Jahren Opfer bewaffneter Konflikte, sechs Millionen wurden verletzt oder verstümmelt.

Minenopfer

Vieles geschieht ohne Augenzeugen. Als Beispiel erwähnt der Bericht "einen der längsten verborgenen Konflikte der Nachkriegszeit" in den Guerillagebieten von Myanmar. Dort werden Kinder in verminten Gebieten eingesetzt: "Die brutalste und grauenhafteste Form der ,Entminung'", hält das Fides-Dossier fest. "Können wir es zulassen, dass sich Zehntausende Kinder wie räudige Hunde auf Müllhalden in Kenia oder Brasilien ernähren? Dass Straßenkinder Leimdämpfe einatmen, um ihren Hunger zu betäuben? Was wird aus diesen Kindern?", fragt der vatikanische Pressedienst. Die Antworten darauf bleiben aus. (DER STANDARD, Printausgabe 10./11.01.2004)

Gerhard Murmelter aus Rom
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    Jährlich werden eine Million Kinder verkauft. Kampagnen in Bangladesch wollen Einhalt gebieten.

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