Der Jahrhunderthirsch

20. Jänner 2004, 10:13
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Was wäre, folgte Rainhard Fendrich dem allgemeinen Trend zur Bekenntnisprosa?

Kunden, die dieses Buch kaufen würden, haben auch diese Bücher gekauft: "Nichts als die Wahrheit" und "Hinter den Kulissen", Dieter Bohlen; "Ich hab’s allen gezeigt", Stefan Effenberg; "Ungelogen", Nadel Abd El Farrag; "Mein Tagebuch", Lothar Matthäus, "Ich lebe meine Töne", Daniel Küblböck; "Der Kleine Feldbusch", Verona Feldbusch.

Es wäre also durchaus logisch, würde Fendrich nach der Frankfurter Buchmesse 2004 auch durch Amazon mit seinesgleichen verlinkt. Gut, die Auflage der beiden Bohlen-Weltsichten von gut einer Million würden seine "Herzergießungen eines Jahrhunderthirschen" nicht erreichen. Die spektakuläre Scheidung von seinem Langzeitbergwerksherzen Andrea sollte dennoch ausfinanziert sein. Schließlich birgt die literaturähnliche Entblößung ja auch allerhand Synergieeffekte für das aktuelle Album "Fernweh", das Musical "Wake up" und die Karriere des neuen Herzblattes an des Austrobarden Seite, der Tänzerin Ina-Nadine.

Und vorbereitet war das Ganze auch gut. Schon zum Jahreswechsel 2003/04 hat die Bild das Buch zum Rosenkrieg gefordert, und beide Fendrichs wurden nicht müde, in exklusiven Interviews Teile der Wahrheiten anzudeuten, die demnächst wohl gedruckt und auch als Hörbuch vorliegen. Und der exklusive Vorabdruck in News wird die Erwartungslatten hoch legen.

Denn die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, wessen die alles auslösende Unterhose war, in die Rainhard eines Morgens nichts ahnend schlüpfte, und ob Andrea mit den zahllosen Sportlehrern beider Kinder mehr teilte als Rainhards Schlachtruf "Es lebe der Sport".

Fendrichs Outing als Gehörnter hätte sicher das Potenzial, eine ganze Reihe von Hahnreierinnerungen nach sich zu ziehen. Ob allerdings jeder halbprominente "cornuto" die Kraft haben wird, derart schonungslos alles offen zu legen, bleibt abzuwarten. Sätze wie "Meine Frau hat mir nicht einmal mehr ein Mineral geholt!" dürften nicht jedem so ehrlich in die Feder fließen wie dem Jahrhunderthirschen aus Wien. Spannend ist auch die Aussicht darauf, dass Fendrich sich bei Thomas Gottschalk live mit Jürgen Drews versöhnen könnte. Der Partykönig von Mallorca hat den sensiblen Sänger einst als "Sextrottel" beschimpft. (DER STANDARD, Printausgabe 10./11.01.2004)

Markus Mittringer
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