Der unschlagbare Lach-Sender

21. Jänner 2004, 15:59
27 Postings

Meine ganz private Meinung zur öffentlich-rechtlichen Komik des ORF - Ein Kommentar der anderen von Franz Schuh

Jeder Mensch, der für diese Öffentlichkeit arbeitet, veröffentlicht nichts als seine kleinen schmutzigen privaten Geheimnisse. Privat glaube ich zum Beispiel, dass es nicht der "Bachelor" war, mit dem der ORF signifikant seine Waffen vor dem Privat-Fernsehen gestreckt hat - der "Bachelor", der jetzt endlich vor Vera Russwurm ausgesagt hat, wer er eigentlich ist. Am Tag davor hat er das schon bei RTL ausgesagt, aber das liegt ganz auf der Linie, die die Richtung vorgibt: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Österreichs macht eine Gemeinschaftsproduktion mit dem privaten deutschen Fernsehen, in dessen Gefolge dann unter Hinweis auf genau diese Produktion erklärt wird, ein öffentlich-rechtliches Fernsehen mit zwei Programmen sei in Österreich überflüssig.

Führung instinktunsicher

Zu allem Überfluss, und das glaube ich ganz privat, hat Gerhard Zeiler, heute Geschäftsführer bei RTL, seinerzeit seine Position beim ORF als Sprungbrett für die Karriere bei den Privaten benützt. Dafür musste er natürlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorbildlich umbauen, damit man sein Wirken in Wien als Annonce für Köln verstehen konnte. Ach nein, das war kein finsterer Plan: Der Instinkt drängt solche Leute in die richtige Richtung, sie kommen über Umwege, auch über ihre Ministersekretärstellen, immer nur zu sich, und die heutige Führung des ORF, in den politischen Wirren der Republik an die Macht gekommen, wandelt in den alten Fußstapfen weiter. Diese Führung ist allerdings instinktunsicher, das heißt: Frau Lindner wird bei den Privaten kaum jemals einen Job bekommen und sie ist andererseits auch nicht in der Lage, das Unternehmen aus dem Doppelnelson von Regierungszugriff und privater Programmgesinnung herauszuholen.

Powered by emotion

Für mich privat war der Moment, in dem das heroisch öffentlich-rechtliche Fernsehen sich zukunftsweisend aufgegeben hat, ein nebensächlicher Beitrag in einer Sendung namens "Thema"; sie moderiert ein junger Mann mit klebrigem Haar und schmieriger Stimme, die vor Entschiedenheitspathos vibriert. In ihrer überwuzelten Yuppie-Tonart klingen solche Stimmen sowohl cool als auch heiß. Das gelackte Pathos suggeriert, es geht - wenn schon nicht um Entscheidungen - so doch entschieden um Unterscheidungen, also um ein Thema.

Der Mann in "Thema" kündigte aber bloß einen Filmbericht an über ein gerade eröffnetes Pornogeschäft für Frauen, gewiss eine Errungenschaft, aber woran man das Privatfernsehen erkennt, ist - powered by emotion - die Zuhälterei gegenüber der Pornoindustrie. Das ist kein Beiwerk, sondern es ist tief verankert in der kommerziellen Medienstrategie des Aufreizens und des Nicht-Befriedigens von allem Aufgereizten. Keineswegs hätte das öffentlich-rechtliche Fernsehen, halbwegs im Einklang mit seiner Utopie, dergleichen zensiert; dergleichen wäre schlicht nicht vorkommen und daher bloß gewesen, was es auch ist, nämlich kein Problem.

Zum Kugeln!

Selbstverständlich stehe ich hinter dem Establishment des ORF, das jüngst im Kollektiv gegen die von ihm als ungerecht empfundene Kritik des STANDARD protestiert hat. Der ORF ist nämlich auf dem Gebiet der Comedy unschlagbar. Nur Kleingeister könnten bemäkeln, dass die Komik unfreiwillig ist; ein Medium, das - ob privat oder öffentlich rechtlich - vor allem produktive Differenzen auflöst, braucht sich nicht um den feinen Unterschied von freiwilliger und unfreiwilliger Komik zu kümmern. Was habe ich gelacht, als Helmut Zilk und Peter Rapp in der Sendung "Lebens-Künstler" einander gegenüber saßen. Ich kugelte in meiner 450 m 2 Wohnung herum und fand mich erst morgens früh in einer Ecke wieder. Klügere Konsumenten drehten, während sie sich um den Bildschirm versammelten, den Ton ab und beobachten mit ethnologischem Interesse die sprachlosen Gesichtsausdrücke und Gesten. Ich dagegen musste mir in Worten anhören, dass dem Peter Rapp vom Elternhause her keine Herzensbildung zuteil wurde und es fiel ein so wunderbarer Satz wie: "Schlagfertigkeit ist nur möglich, wenn man dem Gegenüber zuhört."

Einfach großartig!

In diesem Sinne hörte ich schlagfertig zu, als referiert wurde, wie sich Rapp im Kindesalter den Kopf im Lift eingeklemmt hatte. Als der Bart ab war (ein Ereignis, das, folgt man Zilk, in die Geschichte des Mediums eingegangen sein soll), sah man Rapps Narbe, aber beim Barte des Rapp, das Spiel ist aus: Während das Private am Fernsehen hinaufkommt, kommt das Öffentlich-rechtliche des Mediums herunter. Der gekünstelten Privatheit des Bachelors, die eine rein öffentliche Angelegenheit ist, entspricht die ganz und gar echte Privatheit, mit der Zilk und Rapp die Öffentlichkeit belästigen. Diese beiden sit-down-comedians sind großartig. In ihnen regrediert das Wesen des Öffentlich-rechtlichen zum Selbstzweck: Der ORF interviewt den ORF über den ORF!

Das hat etwas seltsam Lebloses, etwas Einbalsamiertes, und ich glaube privat, dass Zilk und Rapp der Parapsychologie einen großen Dienst erwiesen haben, und zwar in Form des Beweises, dass auch Mumien sprechen können. Ich gebe zu, die sprechenden Mumien überhaupt für das offene Geheimnis der Schüssel-Ära zu halten, und ich habe viel Verständnis dafür, dass man das alles, um es auszuhalten, ins Transzendente rücken will. Das weiß auch der Sender, denn als die "Lebens-Künstler" vorüber waren, deklamierte die freundliche Stimme einer ORF-Lady die Vorschau: "Wie schaut's im Jenseits aus? Arik Brauer hat bereits einen Brief von Drüben geschrieben ... " (DER STANDARD; Printausgabe, 10./11.1.2004)

Von Franz Schuh

Der Autor ist Kulturkritiker und Essayist und lebt in Wien.

  • Küniglberg, jenseits: Sprechende Mumien als Lebens-Künstler.
    foto: orf/montage: beigelbeck

    Küniglberg, jenseits: Sprechende Mumien als Lebens-Künstler.

Share if you care.