Die Kunst des Ostens als Kitsch des Westens

15. Jänner 2004, 11:18
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"Dralion", eine Vereinnahmung der traditionellen chinesischen Artistik durch den kanadischen Cirque du Soleil

Am Donnerstag erlebte "Dralion" ihre Europa-Premiere in London: Die exzellenten Darbietungen werden durch geschmäcklerische Einlagen miteinander verbunden. Dritte Station (nach Amsterdam) ist ab Anfang Juni Wien.


Als Begnadete Körper hatte André Heller sie vor Jahren präsentiert, auch als Chinesischer Nationalzirkus vollführten sie, obwohl es einen solchen offiziell gar nicht gibt, ihre Kunststücke. Und nun folgt Dralion, die "soleil"isierte Variante: Über die großteils atemberaubenden Darbietungen der chinesischen Artisten, die erneut mit Körperbeherrschung, Gelenkigkeit und Präzision in Bann zu ziehen verstehen, wird eine geschmäcklerische Hülle nach bereits bewährtem Rezept gestülpt.

Als Überleitungen leuchten ein paar chinesische Schriftzeichen auf, werden Schattenspiele vollführt, schweben personifizierte Naturelemente in prächtigen Kostümen herum. Das Stroboskoplicht blitzt, das Trockeneis wuchert zu Nebelschwaden. Eine herkömmliche Revue bleibt Dralion dennoch: Irgendwann endet die Show fast abrupt, der Beifall der Briten in der Royal Albert Hall fällt eher kurz aus.

Der Neologismus des Titels hat nichts mit einem Textil zu tun, auch wenn er synthetisch ist. Entstanden durch Verschmelzung von "Dragon" und "Lion", bezieht er sich auf eine Nummer, in der Drachen-und Löwentänze, aufgepeppt mit einem bekannten Balance-Akt, kombiniert werden: Mehrere Zwei-Mann-"Löwen" trippeln gemeinsam auf einer großen Holzkugel über eine Wippe. Klimbim ohne Wirkung.

Kontrast statt Fusion Der folkloristische Anteil wird vom Cirque du Soleil bis auf diese Ausnahme gering gehalten. Vielleicht weil man befürchtete, dass die Show ansonsten nicht massenkompatibel sein oder als Eigenkreation akzeptiert würde: Dralion, bereits 1999 kreiert, will laut Direktor Guy Carson "eine beispiellose Fusion chinesischer Akrobatiktradition und dem avantgardistischen Zugang" des kanadischen Zirkus sein, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiern wird.

Darunter verstehen die erfolgreichen "Wonderworker" (2.500 Mitarbeiter) in erster Linie aber Kontrast: Als Bühnenbild dient eine mächtige Metallwand mit perforierten Aluminiumplatten, auf der die angegurteten Tänzer, farbenfroh eingekleidet, herumturnen dürfen. Und als Soundteppich, der kongenial zum gefälligen Setting passt, aber nur selten in Einklang mit den Acts steht, rollen die Musiker eine blasse Kopie von Café del mar aus: verbraten, von Percussion dominiert, werden sowohl klassische Symphonik und Opernkoloratur wie afrikanische Rhythmen zu einer einlullenden Soße.

Ein drastischer Gegensatz zu den artistischen Nummern - bis auf den Pas de deux eines am Band schwebenden, ineinander verschlungenen Paares und eines Jonglier-Aktes von Chinesen ausgeführt - bleiben zudem die Clowns abendländischen Zuschnitts: Die Spaßvögel tragen Frack, einem steckt, ach wie witzig, der Finger in der Bowling-Kugel fest.

Zu Beginn holt sich das Trio jemanden aus dem Publikum, mit dem es so manchen Schabernack treibt: Weil die drei zu feig sind und nur italienisch kauderwelschen, muss er die Rede, die als Brief vom Himmel fällt, vorlesen. Das verspricht Spontaneität und Poesie, hinterlässt schließlich aber nur einen schalen Nachgeschmack. Denn der scheinbar Unbeteiligte ist, noch einmal in die Manege gezerrt, einer der Akteure. Und wenn die polternden Narren, denen zu viel Platz eingeräumt wird, gegen Schluss das eben gezeigte Programm zu parodieren versuchen, produzieren sie nichts als Langeweile.

Natürlich ist Dralion aber auch packend: Mädchen tanzen auf brennenden Glühbirnen oder katapultieren sich bis in den fünften Stock eines Menschenturms, Männer hechten durch rotierende Kreise, balancieren fünf Meter lange Ruten und hüpfen Salti schlagend Seil. Möge der Abend genauso gelingen wie jede einzelne Übung! (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.1.2004)

Von
Thomas Trenkler aus London
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