Schlechter SP-Politiker – guter Staatsmann

12. Jänner 2004, 16:01
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Parteihistoriker Leser sieht Kritikpunkte an Fischer als Qualifikation für Bundespräsident

Wien – "Ich möchte Heinz Fischers Glück nicht im Wege stehen." – Das sagt ausgerechnet Parteihistoriker Norbert Leser, der seinen Genossen und Exfreund Fischer seit Jahren mit Groll verfolgt. Nein, er nehme keinen Jota seiner Kritik an Fischer, den er als "Dauerverwalter der politischen Sterilität" sieht, zurück – aber: "Fischer hat nie ein Risiko auf sich genommen, ist übervorsichtig. Und er leidet am Grundwiderspruch, fortschrittlich sein zu wollen, aber in Grundfragen des Staates und der Politik erzkonservativ zu sein. Gerade diese große Vorsicht und konservative Haltung kann aber im Amt des Bundespräsidenten ein Vorteil sein."

Für das staatsmännische Amt des Bundespräsidenten sei Fischer zweifellos qualifiziert, das habe er als Nationalratspräsident bewiesen – nur am SPÖ-Politiker Fischer habe er viel auszusetzen gehabt, argumentiert Leser im STANDARD- Gespräch: "Fischer hat immer

Konflikte vermieden. Kreisky soll einmal gesagt haben, dass Fischer auf der Toilette verschwindet, wenn es heikel wird. Jedenfalls hat Fischer sämtliche Krisen in der SPÖ überstanden, weil er sich nie für riskante Sachen exponiert hat." Das sei vielleicht vom Standpunkt der Machterhaltung klug, bedeute aber, dass Fischer nie den Kurs der SPÖ korrigiert habe: "Damit ist er mitverantwortlich für den Nieder gang der SPÖ. Er hat immer geschwiegen, das ist sein Hauptbeitrag."

Diese Kritik erledige sich allerdings, wenn Fischer nicht mehr gleichzeitig SPÖ-Vizechef und 2. Nationalratspräsident sei. Eine andere Altlast Fischers hält Leser hingegen nicht für erledigt: "In der hässlichen Auseinandersetzung zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal hat Fischer einen Untersuchungsausschuss gegen Wiesenthal verlangt, das wäre eher eine Inquisition gewesen. Dazu ist es zwar nie gekommen. Aber dafür hätte sich Fischer längst entschuldigen müssen." (Eva Linsinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10./11.1.2004)

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