Verschüttete Milch

13. Jänner 2004, 17:53
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Christoph Prantner über die Reaktion des italienischen Premiers auf den Parmalat-Skandal: Berlusconi betrifft mehr als 100.000 geprellte Anleger

Jetzt über die Parmalat-Pleite zu lamentieren ist ungefähr so intelligent, wie verschüttete Milch zu beweinen. Das hindert italienische Politiker aller Couleurs natürlich nicht daran, sich leidenschaftlich zur abenteuerlichen Insolvenz des Weltkonzerns aus Colvecchio zu äußern. Allen voran fühlte sich - selbstredend - Silvio Berlusconis Forza Italia dazu berufen. Anstand, Recht und Ordnung im italienischen Wirtschaftsleben müssten gewahrt werden, der römische Zentralbankpräsident Antonio Fazio habe seine Aufsichtpflichten im Bankenwesen aufs Gröbste vernachlässigt.

Dass Fazio bei Parmalat möglicherweise zu lange tatenlos zugeschaut haben könnte, kritisieren auch Linke wie der Expremier und ausgewiesene Finanzfachmann Giuliano Amato. Sicher indes ist, Milchmagnat Calisto Tanzi steht wie Silvio Berlusconi für die spezielle Art des Familienkapitalismus norditalienischer Prägung, dessen Patrons es mit den Gesetzen offenbar nicht immer allzu genau nehmen. Bloß: Tanzi sitzt nun in Untersuchungshaft, Berlusconi in römischen Regierungspalästen. Nur die extensive Auslegung seiner Amtsbefugnisse hat ihn bisher davor geschützt, wegen Bestechung, Bilanzfälschung und Betruges ebenfalls hinter Gittern zu landen.

Insofern ist es mindestens doppelt ironisch, wenn Berlusconi seine Politlakaien nun von "corporate governance" faseln lässt. Denn der Zwilling der verantwortungsvollen Unternehmensführung, heißt es bei den seit Enron in diesen Dingen sehr sensiblen Amerikanern, ist "good government". Und davon ist Italien seit dem Amtsantritt des Cavaliere aus Mailand mindestens so weit entfernt wie Parmalat von ehrlicher Bilanzerstellung: Berlusconi hat diverse Steueramnestien erlassen, die noch den letzten redlichen Italiener geradezu zum Fiskalbetrug verleiten. Er hat weder seinen Interessenkonflikt als Premier und führender Medienunternehmer des Landes geregelt noch die Finger von unverschämtesten Manipulationen des Justizsystems zu seinen Gunsten gelassen. Er hat Italien international den Ruf einer Bananenrepublik verschafft, die statt eine EU- Verfassung zusammenzubringen, ohne zu zögern Russland und Israel in die Europäische Union holen würde.

Verschüttete Milch? Lohnt es sich überhaupt, darüber zu klagen? Jedenfalls mehr als bei Parmalat. Berlusconi betrifft mehr als 100.000 geprellte Anleger. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.1.2004)

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