"Startkapital in eine gewissere Zukunft"

12. Jänner 2004, 15:44
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Caritas-Chef Franz Küberl will Staatsbürgerschaft für in Österreich geborene Zuwanderer-Kinder - Ein Kommentar der anderen

Migrations- und Asylfragen sind in Österreich, wie in der ganzen EU, seit vielen Jahren immer wieder Auslöser heftiger Konflikte zwischen Innenminister und Hilfsorganisationen. Die Ursachen sind komplex, und die Probleme liegen etwas tiefer, als das mediale Getöse oft vermuten lässt, wenn die Versuchung nahe liegt, inhaltliche Konflikte auf Konflikte zwischen Personen oder Institutionen zu reduzieren.

Flucht- und Migrationsbewegungen sind wie Fieberschübe, die als Folge regionaler Kriege und sonstiger Krisen oder als Folgen des ungeheuren Umbruchs und ungeheuren Elends in zahlreichen Ländern der Welt, die gesamte Welt "beuteln".

Das Phänomen ist nicht neu. Ein kleiner Blick in das Datenmaterial aus der österreichischen Geschichte zeigt, dass Wanderung seit Beginn der Industriegesellschaft "normal" ist. Alleine von 1880 bis 1910 sind 1,8 Millionen Menschen aus Cisleithanien nach Übersee gewandert. Ein nicht geringer Teil der heimischen Bevölkerung sind Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg nach Österreich geflüchtet sind (zwischen 1945 und 1949 waren es zeitweise über eine Million). Und ein Blick in die Statistik jüngerer Jahre zeigt, dass z.B. 1999 85.000 Einwanderer nach Österreich gezählt wurden (der größte Teil sind rückkehrende Österreicher) und ca. 72.000 Auswanderer aus Österreich (rückkehrende Ausländer genauso wie auswandernde Österreicher).

Vor dem Hintergrund sehr gewalttätiger, lebensbedrohlicher Situationen für viele Millionen Menschen in vielen Ländern der Welt ist nicht damit zu rechnen, dass der Flüchtlingsstrom in den nächsten Jahren abbrechen wird. Etwas zugespitzt formuliert: So schlecht können europäische Asylgesetze gar nicht sein, dass sich alleine deswegen die Menschenrechtssituation in Tschetschenien verbessern würde. Gegen Elend, Leid und Verfolgung nutzen Abwehrwälle nichts. Die Angst und die Not sind stärkere Antriebe als die Gefahr, auf der Flucht in einem LKW erdrückt zu werden oder beim Durchschwimmen eines Grenzflusses zu ertrinken.

Paulus hat einmal (vor 2000 Jahren) gemeint, dass die Schöpfung ächzt und seufzt. Er hätte es gestern sagen können, die Welt ist noch nicht fertig – sie ist ein Bauplatz, auf dem weltweit wirksame Menschlichkeit erst errichtet werden muss. Dazu ist aber ein gewaltiger Einstellungswechsel notwendig.

Zurzeit verteidigen wir unseren Wohlstand wagenburgartig. Das wird auf die Dauer nicht gehen. Es gibt keinen ungestörten Fruchtgenuss des Reichtums. Es ist auch ein Ergebnis der Globalisierung, dass die Armen wissen, wo die Reichen wohnen. Dieser Geist wird nicht mehr in die Flasche zurückzudrängen sein. Ganz im Gegenteil, es braucht Strategien, die mithelfen, dass die Ungleichgewichte, die schiefe Ebene zwischen Reich und Arm weltweit abgebaut werden – das alleine wird die Zukunft aller (auch unserer) Nachkommen sichern.

Es braucht Lust und List, die großen und kleinen Aufgaben der Weltverbesserung zu bewältigen. Es braucht die Kreativität in Religionsgemeinschaften und Kultur, in Wirtschaft und Politik, damit ungelöste Probleme eine reizvolle Herausforderung darstellen. Und es braucht einen langen Atem, damit bessere Zuständen entstehen können und die Resignation vor Größe und Komplexität der Herausforderung nicht überwiegen.

Wenn die große Welt in Österreich ihre Probe hält, gibt es auch bei uns ein paar Denkansätze umzustellen. Es wäre sinnvoll, in Österreich geborenen Kindern von legal in Österreich lebenden Zuwanderern gleich die österreichische Staatsbürgerschaft zuzuerkennen. Das wäre ein Vertrauenszuspruch und ein Startkapital in eine gewissere Zukunft. Es wäre ein Signal dafür, dass Chancengleichheit gefördert wird.

Ebenso wäre es klug, wenn man bei Zuwanderern sehen würde, welches Kapital, welche Talente, welche Fähigkeiten Österreich für seine Zukunft mit ihnen bekommt. Dass unter dem Aspekt von Chancenverwertung die möglichst rasche Familienzusammenführung sinnvoll ist, ergibt sich logisch.

Jedes Jahr früher, in dem Familien von Zuwanderern wieder zusammen sind, jedes Jahr früher, in dem Kinder von Zuwanderern, die jedenfalls hier bleiben dürfen und werden, bei uns in die Schule gehen und Deutsch lernen, ist für alle Beteiligten ein gewonnenes Jahr. Wenn aber ein Bundesland wie Kärnten für 500 Personen, die im Familienzusammenführungsprogramm angemeldet sind, rund 17 Jahre braucht, damit Eltern und Kinder wieder zusammenleben können, ergibt das doch ziemliche Einblicke, wie weit der Weg noch ist.

Sicher wäre es auch klug, wenn man sich in Österreich darauf einstellen könnte, wie sich Zuwanderungsnotwendigkeiten in den nächsten zehn bis 15 Jahren entwickeln und Planungs-, Vorbereitungs- und Einstellungsfragen zu lösen sein werden.

Welche Berufe sind gefragt, woher werden (sollen) die Zuwanderer kommen? Was fordern wir von ihnen, was können wir ihnen bieten (sozial, kulturell, welche Bildungsformen braucht es)? Welches Klima braucht das Land, damit Menschen kommen? Bei Führungskräften gibt es schon Anstrengungen, um ihnen den Aufenthalt in Österreich schmackhaft zu machen – wäre das nicht ein Vorbild etwa gerade für den Pflegebereich, wo akuter Arbeitskräftemangel herrscht?

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zwei in der öffentlichen Debatte etwas unterbelichtete wesentliche interkulturelle Aspekte mit mehr Aufmerksamkeit zu versehen. Zum einen geht es um den interkulturellen Austausch zwischen verschiedenen Zuwanderergruppen. Was müssen wir tun, damit Polen und Türken, Kroaten und Ungarn zumindest so gut nebeneinander leben können, wie hier Geborene und Migranten? Zum anderen braucht es auch allgemeines Bewusstsein, dass interreligiöser Austausch eine Angelegenheit ist, die sich nicht nur in Kirchen, Moscheen und Synagogen abspielt, sondern auch als etwas, das in Gewerkschaften und in Arbeitgeberverbänden genauso Aufmerksamkeit braucht, wie in Wohnsiedlungen, Behörden und politischen Parteien.

Voraussetzung für diesen interreligiösen Austausch ist aber das Wissen um die eigenen (religiösen) Wurzeln. Im Zusammenhang mit der Rückkehr von Ausländern, die nicht in Österreich bleiben können, wird es wichtig sein, neue Formen sinnvoller Rückkehrhilfen zu erproben.

Zurzeit ist es so, dass rund 80 Prozent der aus der EU ausgewiesenen Ausländer wiederum versuchen, nach Europa zu kommen. Die Erfahrungen der Arbeit der Caritas- Rückkehrhilfeprogramme zeigen, dass Rückkehr nur dann bleibend und für die Menschen sinnvoll ist, wenn es daheim Zukunftschancen gibt. Vor diesem Phänomen die Augen zu verschließen und so zu tun, als kenne man diesen Effekt nicht, führt zwar zu mehr Dienstposten bei Polizei, Justiz und originellerweise auch bei Schlepperorganisationen, keiner dieser Effekte ergibt aber nachhaltig Sinn. Die Durchsetzung vernünftiger Lebensbedingungen stellt die einzige Garantie dar, dass langfristig die Entsetzlichkeiten von Gewalt, Armut, Vertreibung und Zwangsauswanderungen überwunden werden können.

Hier denke ich, dass soziale Erfindungen, die Fähigkeit zu anständiger Friedensdividende zur Finanzierung von Entwicklung genauso dazugehören wie die unbedingte Notwendigkeit, Menschenrechten zur Durchsetzung zu verhelfen und Gewalt zu ächten – und damit auch Gewaltlosigkeit aus dem naiv-lieblichen Eck in die Mitte gesellschaftlicher Gestaltung zu holen. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.1.2004)

  • Franz Küberl ist Präsident der Caritas Österreich.
    foto: standard/cremer

    Franz Küberl ist Präsident der Caritas Österreich.

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