Triebwerksmängel in acht von neun Jets

14. Jänner 2004, 09:35
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Die Überprüfung der AUA-Fokker-Flotte deckte erschreckende Mängel auf: In acht der neun Jets Enteisungsschutz in den Rolls-Royce-Triebwerken beanstandet

München/Wien - Auf viele Fragen im Zusammenhang mit der Notlandung ihrer Fokker 70 bei München gab es bei der Austrian Airlines Group am Freitag nur eine Antwort: Rolls-Royce. Der Triebwerkshersteller muss erklären, warum nach der jüngsten Begutachtung in acht von neun Fokker 70 der Austrian die Enteisungsleisten in den Triebwerken ausgewechselt werden müssen, weil sie locker waren. Die renommierte Motorenfirma muss vermutlich auch den dadurch entstehenden Ausfall der Maschinen finanziell ersetzen. Obwohl Austrian sechs Maschinen angemietet hat, wurden auch Freitag wieder sechs Flüge abgesagt.

Wie berichtet, wurden bei der Fokker 70 "Wiener Neustadt", die vergangenen Montag bei München wegen ausgefallener Triebwerke eine Bauchlandung hinlegen musste, gebrochene Eisschutzleisten im Triebwerk festgestellt worden. Ob dies auch die Ursache war für den gefährlichen Zwischenfall, bei dem niemand ernsthaft verletzt wurde, blieb zunächst noch offen. Die so genannten Ice Impact Trays sind im vorderen Teil der Triebwerke montiert und sollen verhindern, dass abgehende Eisbrocken während des Fluges Schäden anrichten.

Rolls-Royce wartet ab

Rolls-Royce wollte Freitag keine Stellungnahme abgeben. Auf Anfrage des STANDARD in der deutschen Niederlassung in Dahlewitz hieß es, man warte zuerst die Untersuchung ab, mit einem vorläufigen Ergebnis werde kommende Woche gerechnet. Rolls-Royce ist nach eigenen Angaben mit 30 Prozent Marktanteil der zweitgrößte Triebwerkshersteller der Welt ist.

Dem STANDARD liegt der neueste Zwischenbericht der zuständigen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig vor. Darin heißt es: "Mit dem Erreichen der Flugfläche 100 (3050 Meter Höhe) sprach die Eiswarnanlage, Ice Detection, an. Die Auswertung der Flugschreiberaufzeichnung bestätigte, dass die Triebwerksenteisung sowie die Zellenenteisung von der Besatzung eingeschaltet worden war." Sechs Minuten später sei es vorerst nur im rechten Triebwerk zu starken Schwingungen gekommen. "Vier Minuten danach ließ sich die Leistung beider Triebwerke nicht mehr erhöhen. Die verbleibende Leistung reichte nicht mehr aus, um die Landebahn zu erreichen", bestätigen die Experten der Unfallkommission.

Die Untersuchungen konzentrieren sich nun darauf, wie sich die Eisschutzleisten lösen konnten. Außerdem wird überprüft, ob die Enteisungsanlage überhaupt funktionierte. Was passieren kann, wenn diese ausfällt, hat ein Boeing-Versuch vor einigen Jahren gezeigt: Bei nur einem Millimeter Raureif an einer B 737 ging der Auftrieb um 18 Prozent zurück, die Steiggeschwindigkeit reduzierte sich um fünf Prozent, im Einmotorenflug sogar um die Hälfte.

Die Austrian Airlines Group bietet allen 28 Passagieren, die bei der Bauchlandung an Bord waren, eine "rasche und unbürokratische" Entschädigung an. Bei der Aktion wurde zwar niemand ernsthaft verletzt, die Fluglinie schließt aber auch "persönliche Belastungen" in ihr Angebot mit ein.

Der Münchner Flughafen meldete indes am Freitag einen neuerlichen Zwischenfall mit einem Fokker-Jet. Bei der Enteisung der KLM-Maschine kurz vor dem Start sei eine Stichflamme im Hilfstriebwerk entstanden. Alle 40 Passagiere mussten umsteigen, der Defekt wird untersucht. (DER STANDARD, Printausgabe 10./11.01.2004)

Philipp Levar und Michael Simoner
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    Triebwerk-Überpruefung an einer Fokker 70 der Austrian Airlines, aufgenommen am Freitag, 09. Jänner 2004, in Schwechat.

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