Ein Bücherschatz lagerte im Keller

8. Jänner 2004, 19:49
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Seltene Studien zur Frauenheilkunde im Wiener AKH und dem Institut für die Geschichte der Medizin entdeckt

Wien - Gerüchte seien genug umgegangen, dass irgendwo in einem Keller der Universität wertvolle Bücher zur Geschichte der Medizin lagern könnten. Aber so recht darum gekümmert habe man sich nicht. Kurz vor Weihnachten ging es dann Schlag auf Schlag. In einem Untergeschoß im Geviert zwischen dem Wiener AKH und dem Institut für die Geschichte der Medizin in der Währinger Straße habe man Unmengen von Schachteln entdeckt, berichtet Medizinhistorikerin Sonia Horn. Unter anderem wurden sehr alte medizinische Bücher über Frauenkrankheiten gefunden.

"Sehr selten"

In einem mit 1712 datierten Buch beschreibt ein französischer Arzt "Krankheiten in der Schwangerschaft". Sonia Horn, die an der Wiener Universität über Geschlechterrollen in der Geschichte der Medizin forscht, ist begeistert über den Fund: "Es ist sehr selten, dass aus dieser Zeit etwas vorhanden ist zu dem Thema." Die Medizin sei fast ausschließlich aus männlicher Sicht dokumentiert worden. Da seien Frauenanliegen nicht vorgekommen. Auch sei dazu bis dato fast nur Literatur aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bekannt.

Originalmaterial zum Werk von Guido Holzknecht

Neben derart besonderen Buchschätzen fand sich in den Schachteln auch viel Originalmaterial zum Werk von Guido Holzknecht. Ganze Dia- und Vortragsserien zum Aufbau der Röntgenologie am Wiener AKH steckten in den Schachteln. Vorträge, die Holzknecht erstellt hat. Auch eine Vielzahl von Ambulanzkarten kamen zum Vorschein. Auf deren Grundlage könne man die Entwicklung der In-vitro-Fertilisation nachzeichnen, glaubt Sonia Horn an aussagekräftiges Material.

Räumung in der Nacht

Der aus medizinhistorischer Sicht wertvolle Fund wäre aber beinahe vernichtet worden. Denn eines Tages habe es seitens der Universitätsverwaltung geheißen, der Keller werde als Möbellager gebraucht, in der Annahme, dort lagere Wertloses. Binnen Tagen mussten die Schachteln geborgen werden, Kulturgüterschutz wurde schnellstens beantragt, damit sie nicht im Müll landeten. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion "haben wir uns hingestellt und haben den Staub gefressen", lacht Sonia Horn im Rückblick auf eine nächtliche Rettungsaktion von ihr und Institutsvorstand Michael Hubenstorf. Der Bestand wurde auf mehrere Archive und Bibliotheken verteilt, in denen nun die Sicherung der wertvollen Bücher als österreichisches Kulturgut besorgt wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1. 2004)

Andrea Waldbrunner
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