Annullierung aus Gefälligkeit?

13. Jänner 2004, 17:53
62 Postings

Es wird seltsamer und seltsamer um die kirchliche Wiederverheiratung von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner - Kolumne von Hans Rauscher

Es wird seltsamer und seltsamer um die kirchliche Wiederverheiratung von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner. Zuerst hatte es geheißen, ihr Mann habe seine erste Ehe kirchlich annullieren lassen, damit die beiden, die seit Jahren standesamtlich verheiratet sind, nun auch mit dem Segen der Kirche den Bund eingehen können.

Nun stellt sich heraus, dass es Frau Ferrero war, die ihre erste (kirchlich geschlossene) Ehe annullieren ließ. Und zwar mit ziemlichem Nachdruck, wie nun ihr erster Mann, von News aufgestöbert, ziemlich ungehalten zu Protokoll gibt. Er habe überhaupt nur eingewilligt, weil sie "ihn so bekniet" habe, sagt er im News-Interview. Dazu muss man wissen, dass eine Annullierung einer kirchlich geschlossenen Ehe auch gegen den Willen eines der Ehepartner vom anderen Partner beantragt werden kann. Allerdings hat das Verfahren größere Erfolgschancen und dauert weniger lang, wenn der Partner kooperiert.

Die katholische Kirche kennt keine Ehescheidung. Trotzdem können Katholiken ein zweites Mal kirchlich heiraten, wenn das kirchliche Gericht ihre Ehe für ungültig erklärt. Bei der Scheidung, wie sie das Bürgerliche Recht kennt, wird die Ehe aufgelöst. Dabei geht man aber davon aus, dass sie vom Zeitpunkt der Heirat bis zum Zeitpunkt der Scheidung rechtlich bestanden hat. Beim kirchlichen Ehenichtigkeitsverfahren dagegen wird geprüft, ob die Ehe bei der Heirat überhaupt gültig zustande gekommen ist.

Wenn dabei das kirchliche Ehegericht zu dem Ergebnis kommt, dass dies nicht der Fall ist, wird die Ehe annulliert, das heißt, sie hat rechtsgültig überhaupt nie bestanden. Es geht also immer um den Zeitpunkt der Heirat und nicht um den Zeitpunkt des Scheiterns der Ehe. Die Annullierung braucht Gründe. Das kann vom versagten Kinderwunsch über psychische Probleme bei der Eheschließung bis zu inneren Vorbehalten bei der Heirat reichen. Nur muss das vor einem Diözesangericht bewiesen werden - und da ist es eher günstig, wenn der Partner nicht blockiert. Frau Ferreros erster Mann sagt denn auch: "Am liebsten wäre allen gewesen, wenn ich verschiedene Dinge eingestanden hätte, die ich aber mit meinem Gewissen nicht vereinbaren konnte und deshalb abgelehnt habe." Außerdem zeigte er sich mehr als verwundert über die Schnelligkeit, mit der das Verfahren abgewickelt wurde. Die Diözese habe ihn im Februar 2003 kontaktiert und erklärt, es werde so zwei Jahre dauern. Doch schon im Herbst desselben Jahres habe er Nachricht bekommen, alles sei gelaufen. Diese "Farce" veranlasse ihn nun möglicherweise zum Kirchenaustritt.

Annullierungen sind gar nicht so selten (in Wien rund hundert pro Jahr). Manche Kirchenkenner widersprechen nicht, wenn man die Vermutung äußert, dass Annullierungen früher viel seltener waren und wesentlich länger dauerten, heute aber die Kirche auf die Tatsache reagiert, dass sich auch ihre treuen Söhne und Töchter scheiden lassen wollen.

So kann man natürlich annehmen, dass die Schnelligkeit, mit der die Ehe von Frau Ferrero annulliert wurde, nichts Ungewöhnliches mehr ist und dass das alles nichts mit den Präsidentschaftsambitionen der Außenministerin zu tun hatte. Obwohl sie mit ihrem jetzigen Gatten schon ziemlich lange verheiratet ist.

Auffällig ist die Konstellation der Umstände aber schon, und auch die katholische Kirche wird sich fragen lassen müssen, was ihre Rolle bei alledem war, und ob sie meint, dass das ihrer Reputation gut tut. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.1.2004)

Share if you care.