Sterben im Filmcasino

15. Jänner 2004, 18:31
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Teil 8 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Am nasskalten Dreikönigstag war eine vielleicht zweitrangige, aber täglich entscheidende Frage rascher als sonst entschieden: welcher Film, welches Kino? Das Kinoprogramm versprach im Filmcasino einen Film über die schweizerische "Sterbeforscherin" Elisabeth Kübler-Ross. Sterben ist zwar nicht der Tod, sondern der viel schwierigere Weg dazu hin, aber für das Erste schien eine Sterbeforscherin für den Dreikönigstag verlockend genug. Nur lag das Filmcasino Margareten für mich abseits. Mein Kino war es nicht. Trotzdem schnell in ein Taxi und dorthin - ein Film, immerhin ein Absprungplatz, um einen der zu vielen Dienstage aus den Angeln zu heben.

Noch kurz, ehe der kalte Kinosaal stockdunkel wurde, konnte man am oberen Rand des Filmprogramms Fotos von zwei- bis dreijährigen dicken kleinen Mädchen in Sonntagskleidern mit weißen Socken, weißen Schleifen und weißen Hüten entdecken, ihre Blicke freundlich und erwartungsvoll auf den Kinogänger gerichtet: Kübler-Ross mit ihren Schwestern, drei dicke Drillinge. Darunter stand: "Dem Tod ins Gesicht sehen", und noch eine Zeile darunter: "Ein eindrücklicher Film über die berühmte Sterbeforscherin aus Zürich".

Aber wie sah man dem Tod ins Gesicht, das er nicht hatte? Und wie lernte man es als schweizerisches Drillingskind, dem Tod in die Augen zu schauen? Elisabeth Kübler-Ross fing früh an und beschäftigte sich ihr Leben lang trotz vieler Reisen, Auftritte und entgegengesetzter Aktivitäten nur mit der Konsequenz ihres erklärten Zieles: Man darf nicht allein sein, wenn man stirbt.

Sie studierte gegen den Willen ihrer Eltern Medizin, stand Sterbenden in Chicago und Arizona bei und wurde endlich bekannt durch ihr Buch On death and dying, Interviews mit Sterbenden. Auch wenn ihre Gleichsetzung von "Sterben" und "Tod" falsch ist und sie nichts über den Tod selbst weiß, ihm nicht "ins Gesicht schauen kann", weil der Tod kein Gesicht hat, so ist der Film doch beeindruckend: Sie begann in dem Augenblick, in dem nicht nur in Großkliniken, in Groß- und Kleinbetrieben, in übereilten Gerichtsverhandlungen oder uneiligen Kaffeehäusern nur von Erfolgen, nicht aber von Misserfolgen wie dem Sterben gesprochen werden darf, das Sterben zu beobachten.

"I'm just a simple person", sagt sie im Film, und das erinnert an einen Satz Bob Dylans: "I'm sure, I'm not me". Sie war tatsächlich eine "simple person", aber die Einzige, die auf die Idee gekommen ist, die irritierende Erfolglosigkeit des verlassenen Sterbens anderer "simpler Personen" nicht zuzulassen. Auch unzählige Workshops und Vortragsreisen quer durch die ganze Welt, die Arbeit am Aufbau eines eigenen Zentrums in Virginia, das 1996 durch eine Brandstiftung wieder unterging, konnte ihre Aufbruchsbereitschaft, Verve und Zuversicht nicht entscheidend schwächen. Sie erlitt mehrere Schlaganfälle und blieb zuletzt allein außerhalb Phönix, Arizona.

Ihr Versuch, Tod und Sterben dem Leben wiederzuschenken, ist ihr nur zum Teil gelungen: Würde man die Canyons von den Stürmen abschirmen und zähmen, könnte man ihre Schluchten und Abgründe niemals erblicken. Wer aber die Ratlosigkeit ernst nimmt und die unzähligen ungeduldigen, nötigen oder auch überflüssigen Fragen an den Schaltern von Reisebüros, an Bankschaltern, in den Aufnahme- und Entlassungsräumen von Großkliniken oder in den leicht auffindbaren Büros von Bestattungsanstalten, der erfährt, wenn er genug Geduld hat, dass es um eine andere Frage geht, auf die möglicherweise von "simple persons" eine Antwort erwartet wird:

Heißt "Sterben" notwendig immer auch "allein bleiben"? Kann es hier, wie Kübler-Ross doch etwas zu religiös hofft, eine "Zustimmung" geben? Entscheidend bleibt doch zuletzt: Wie fällt das Ja oder Nein aus? Wer nimmt der Angst die Blindheit und lässt den Schatten die Spiele, die sie leicht werden lassen?
(DER STANDARD, Printausgabe, 2.1.2004)

Die nächste Folge lesen Sie kommenden Freitag.
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