Der Sieg, die Mutter, das Ziel der Kindheit

16. Jänner 2004, 15:10
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Führt das heftige Berichten über den Skirennlauf auch in die Nähe der Läufer, oder von ihnen weg?

Wien/Parschlug - Die Außenwirkung ist immer klar. An der arbeitet eine ganze Industrie. Zeitungen, Fernsehen, Radio, Marketingexperten, Werbestrategen, Sponsorstrategen, Verbandssprecher. "Das hat sich seit damals am meisten verändert, das Drumherum", sagt Traudl Hecher-Görgl. Sie war zehnfache österreichische Skimeisterin, gewann bei den Olympischen Spielen 1960 und 1964 jeweils eine Bronzene in der Abfahrt.

Sie beendete ihre Karriere als Skirennläuferin nach einem psychischen Zusammenbruch. Zwei ihrer drei Kinder, Stephan (25) und Elisabeth (22), fahren für den ÖSV Skirennen, der Älteste, Andreas (27), ist Sportwissenschafter beim Bundesheer und beschäftigt sich mit der Olympischen Idee. Die Kinder zogen eines Tages aus in die gnadenlose Welt des Spitzensports, erzeugt der Druck, dem sie sich unterziehen, Spannungen in der Familie? "Nein", sagt Hecher-Görgl. "Die Elisabeth bewundert den großen Bruder nicht mehr, sie ist eine eigene Kraft geworden."

Die Tochter ist, nimmt man nur die nominellen Platzierungen, heuer bisher erfolgreicher als das brüderliche Exvorbild, wurde zuletzt Dritte in Alta Badia (RTL), Vierte und Siebente in den Slaloms von Madonna und Megève. Stephan Görgls bester Rang war ein zwölfter im RTL der Flachau. Mutter und Vater förderten die skirennmäßigen Ambitionen der Kinder nicht besonders, blockierten sie aber auch nicht. Görgl ist Gesprächstherapeut und Theologe: "Als wir gesehen haben, es ist ihnen ernst, waren wir dann auch sehr dahinter." Hecher-Görgl: "Der Stephan ist einmal mit einem Freund zu einem Kinderrennen gefahren und mit einem Pokal heimgekommen, da hab' ich gewusst, was die Uhr geschlagen hat."

"Vielleicht ist die Diskrepanz zwischen den beiden größer geworden", sagt die Mutter. Die Tochter befinde sich auf einem dezidierten Emanzipationskurs von der Familie, ergänzt der Vater. "Sie ist nicht mehr die Tochter der Traudl Hecher oder die Schwester vom Stephan, sie ist die Elisabeth Görgl." Darüber zu reden vertrage die Tochter nicht, sie sei ja auch nie zu Hause. Vor Weihnachten sei sie noch schnell zu einem Konzert nach Wien abgerauscht und am Heiligen Abend um vier in der Früh heimgekommen.

Zwei Kinder, zwei Wege

"Der Bub ist solider", sagt die Mutter, er gehe alles ruhiger an, taste kaum seine Grenzen an, setze Schritt vor Schritt und erreiche so seine Ziele. Hecher-Görgl: "Die Elisabeth ist ein Arbeitstier, auch im Training." Sie hatte drei Kreuzbandrisse. Das erste Mal im Zielraum, sie dreht sich nach der Anzeigetafel um und stürzt in Zeitlupe, das zweite Mal zerfetzen ihr die eigenen Muskeln das Knie, während einer Abfahrt, das dritte Mal kommt sie nach einer Kante blöd auf.

Geld spielte nur am Anfang eine Rolle, mittlerweile hätten die Kinder eingesehen, "wie wankelmütig das Glück ist. Und sie betrachten das Geld als Entschädigung für die besten Jahre des Lebens, die man in den Skisport investiert. Denn nachher müssen sie wieder von null anfangen."

Die Kinder haben in Stams maturiert, wo Görgl einst als Elternvertreter mithalf, eine professionelle physiotherapeutische Trainingsbegleitung zu installieren, was die Verletzungsrate senkte. Zusätzlich wurde eine obligate Versicherung eingeführt.

Die Eltern schauen sich kaum Rennen an. "Wenn noch der eine oder andere Weltcupsieg dazukommt, wäre das der eigentliche Abschluss der kindlichen Ziele", sagt Görgl. Sie wollte keine Stubenhocker, sagt Hecher-Görgl, die selber am liebsten daheim ist, aber eine eigene Karriere hatte. "Bei uns war das Material nicht so präzise, wir hatten mehr Freiraum, wir waren individuell angezogen. Heute ist das so eine Gleichmacherei." Der Sport hat quasi im Abstand von der Mutter zu den Kindern seine Unschuld verloren. "Aber die Spitzenläufer von damals wären heute wohl auch Spitze. Wenn sie den ganzen Trubel psychisch aushalten täten." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 9.1. 2004, Johann Skocek)

  • Edith Zimmermann, Christl Haas und Traudl Hecher (v.l.) während der Siegerehrung bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck. Heute sieht Hecher-Görgl ihren Kindern zu, manchmal zumindest.

    Edith Zimmermann, Christl Haas und Traudl Hecher (v.l.) während der Siegerehrung bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck. Heute sieht Hecher-Görgl ihren Kindern zu, manchmal zumindest.

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