Und ewig lockt der rote Wüstenplanet

15. Jänner 2004, 08:48
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Die Suche nach "Marsmenschen" begann bereits 1877 - Rückblick auf ein Kulturphänomen am Rande steter Hysterie

Gibt es Leben auf dem Mars? Ja, hofft die Nasa, sonst hätte sie wohl nicht ihren "Spirit" ausgeschickt. Die fast an Hysterie grenzende Suche nach den Marsianern begann bereits 1877. Und es wurden ihnen die unterschiedlichsten Charakterzüge angedichtet.


Gusev-Krater – Rostrot, putztrocken, steinig und öd. So, wie man sie schon seit Jahren kennt und wie man sie darob auch diesmal erwartet hat: die neuen Fotos vom Mars.

Sie mögen von wahnsinnigem wissenschaftlichem Wert sein, aus ästhetischen Gründen würde man die Bilder, die ebenso gut im größten US-Labor, der Wüste in Nevada, hätten aufgenommen worden sein können, wohl nicht zu Hause aufhängen. Dennoch: Mit mehr als 110 Mio. Zugriffen auf ihre Homepage landete die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa mit ihrem siegreich im Gusev-Krater aufgeschlagenen Marsmobil "Spirit" auch einen gewaltigen Publikumserfolg. Warum aber wird der Mars von der Menschheit so angehimmelt?

Die herrschende Hysterie haben Hiesige dem italienischen Astronomen Giovanni Schiaparelli zu verdanken, der im Jahr 1877 Kanäle auf der Marsoberfläche entdeckt haben wollte – ein vermeintlicher Beweis dafür, dass Diesige dort oben eine Kultur errichtet haben. Erich von Däniken hätte ihm, ohne lange zu fragen, das Du-Wort angeboten, wäre er damals schon zu irdischem Dasein gekommen.

Zwar entpuppten sich Schiaparellis Kanäle der Marsianer als optische Täuschung des Erdianers, doch der Leben-auf-dem-Mars-Wahn breitete sich buchstäblich aus wie die Pest, infizierte vor allem die Sciencefiction-Literatur nachhaltig, deren kontaminöser Ausfluss in der jüngsten Vergangenheit schließlich auch Hollywood zu Höhenflügen hinreißen ließ. Dabei zeichnete sich, politisch bedingt, ein kulturgeschichtlicher Wandel in der Wahrnehmung der Außerirdischen ab.

Abgesehen vom 1897 erschienenen Roman Krieg der Welten des Briten Herbert George Wells, der die Marsianer als kriegerische Wesen darstellt (und der in seiner von Orson Welles für das Radio adaptierten Fassung 31 Jahre später Teile der amerikanischen Bevölkerung in höchst reale Angst und Schrecken versetzte), dichteten die frühen Marsliteraten den Wesen vom Roten Planeten beinahe humanistische Züge an.

In Kurd Lasswitz 1898 erschienenem Roman Auf zwei Planeten beglücken die Marsianer die Deutschen mit überragender Technik und an Immanuel Kant angelehnter Sittenlehre, ja postulieren dem Wilhelminischen Reich sogar die höchstentwickelte Zivilisationsstufe der Menschheit. Vielleicht war dies ja auch mit ein Grund für die enorme technische und finanzielle Beteiligung Deutschlands an der nun teilweise fehlgeschlagenen europäischen Marsmission – ein spätes, aber herzliches versuchtes Dankeschön.

Kolonialisierung

Dutzende von Romanen, die ein romantisches Zusammenleben zwischen Marsheit und Menschheit beschreiben, folgten, das jähe Ende dieser friedlichen Koexistenz schrieb schließlich der Amerikaner Ray Bradbury Mitte der 1940er in seinen Mars-Chroniken herbei, eine Geschichte der Kolonialisierung des Roten Planeten durch die Menschheit in den Jahren 1999 bis zum Abschluss der Landnahme im Jahr 2026: Die uralte Zivilisation wird – aus der irdischen Realgeschichte gezogene Lehre – aus Versehen zerstört, weil die Erdlinge die Windpocken einschleppen, gegen die die Marsianer keine Antikörper besitzen. Die wenigen, die die Seuche überleben, werden nach guter amerikanischer Manier in Reservaten gehalten, damit die Menschheit den Mars ungestört in eine neue Erde verwandeln kann. Die alte hat sie bereits zerstört.

Zeitgleich war hierzulande auch der Zweite Weltkrieg beendet worden, eine neue politische Ära begann – die des Kalten Krieges. Diese stellte auch für die primär aus amerikanischen Federn fließende Marsliteratur eine Zäsur dar: Die kommunistische, die rote Sowjetunion wurde mit dem Roten Planeten gleichgesetzt, freilich auch deren Bewohner. Völlig unbewusst wurde damit der Mars wieder in sein beinahe schon vergessenes originäres mythologisches Licht gestellt.

Der Planet gilt schon den sternkundigen Babyloniern als Unheilsbringer. Seine rote Farbe erinnert an Blut, also wird er zum Gott des Krieges erhoben – die alten Griechen nennen ihn Ares, die Römer schließlich Mars. Sein astrologisches Zeichen ist das Männlichkeitssymbol, eine pfeilspitzenbewehrte Erektion.

Mars, eigentlich Ares, wirft sich als Einziger der Götter mitten in die Schlacht um Troja, kämpft heldenhaft, bis er von einem Sterblichen, von Diomedes verwundet wird. Daraufhin flieht er unter lautem Geheul und mit eingezogenem Schwanz in den Himmel – nicht jedoch, ohne vorher noch ausgiebig mit Venus, der Göttin der Liebe, von den Griechen Aphrodite genannt, zu kopulieren. Aus dieser verbotenen Liebe – ihr Göttergatte Hephaistos hat etwas dagegen – gehen die Götterkinder Phobos, Deimos, Anteros und die schöne Harmonia hervor.

Mit einer harmonischen Koexistenz zwischen den Bewohnern der Erde und des Mars war es jedoch in der entsprechenden Literatur vorbei, die bald von der Filmindustrie Unterstützung bekam. Zum Beispiel von William Cameron Menzies Ende der 1950er ausgestrahlter Paranoia-Propaganda Invasion vom Mars, in der ein zwölfjähriger Hobbyastronom die Welt vor drei Meter großen Bestien rettet.

Doch da nicht annähernd ein Russe derart groß gewachsen war, verlief sich die Dämonisierung der Sowjetunion über den Umweg zum Mars bald im Sande. Tim Burtons Mars Attacks war schließlich nur noch Parodie. Bald kam jedoch Bradburys alter Kolonialisierungstraum in die Kinos, etwa in Paul Verhoevens Total Recall oder im Computerspiel "Red Faction", wo die Geschichte eines Arbeiteraufstandes nicht ganz zufällig auf dem Roten Planeten angesiedelt wird. Als dann die Nasa laut über die erste bemannte Marsmission nachdachte, schickte Hollywood gleich drei bemannte Marsmissionen auf die Leinwand: Mission to Mars, Red Planet und Ghosts of Mars. Alle drei schlugen hart auf und sendeten keine weiteren Signale mehr – ähnlich wie die europäische Marssonde, die vor drei Tagen als zerstört gemeldet wurde: "Beagle has ended!"

Aber dem Kriegsgott sei Dank befindet sich ja der amerikanische "Spirit" da oben und wird sich, wenn die kleinen Probleme mit dem leeren Airbag, der das Marsmobil derzeit noch am Abfahren hindert, bald auf die Suche nach realem Leben machen. Die Entdeckung des ersten nicht fiktiven Marswesens ist somit nur noch eine Frage von Tagen. Wird es grün sein? Wahrscheinlich, denn mangels Grünfutter auf dem trockenen Planeten wird es sich seine Lebensenergie wohl durch Fotosynthese herstellen müssen. Amerika wird es uns sicher bald wissen lassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2004)

Von Andreas Feiertag
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