Iran: 13 Tage im Schutt von Bam überlebt

11. Jänner 2004, 19:20
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Erdbebenopfer liegt im Koma - Hilferuf von Internationalen Organisationen

Bam - Wie durch in Wunder ist in der vom Erdbeben zerstörten südiranischen Stadt Bam ein 56 Jahre alter Mann nach 13 Tagen lebend aus den Trümmern geborgen worden. Der Mann liege seit seiner Rettung am Mittwochabend in einem ukrainischen Feldlazarett im Koma, teilte ein iranischer Arzt am Donnerstag mit. Der Mann sei, geschützt durch ein Möbelstück, von iranischen Rettungskräften in den Ruinen von Bam gefunden worden.

Den Ärzten ein Rätsel

Medizinisch ist das Überleben nicht zu erklären, sagt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes am Potsdamer Sankt Josefs Krankenhaus. In der Regel können Menschen nur drei Tage ohne Wasser überleben, dann wird das Gehirn mit Giftstoffen überschwemmt und schaltet ab. Immer wieder gibt es aber Fälle von Langzeitüberlebenden wie jener des 56-Jährigen, sie gehören dem Katastrophenexperten Klebe zufolge in die Kategorie "medizinische Wunder".

Verdursten

Die größte Gefahr, die einem Verschütteten droht, ist das Verdursten. Ein Erwachsener sollte täglich etwa 1,5 bis zwei Liter Flüssigkeit zu sich nehmen, damit alle Körperfunktionen normal ablaufen können. Steht diese Menge nicht zur Verfügung, kommt es zu Austrocknungserscheinungen. Bei einem Verlust von fünf bis zwölf Prozent der Körperflüssigkeit entsteht bereits ein quälendes Durstgefühl und die Schleimhäute trocknen aus. Bei einem weiterem Verlust von etwa 20 Prozent tritt der Tod durch Verdursten ein. Zuvor wird der Betroffene allerdings bewusstlos: Weil die Nieren giftige Stoffwechselprodukte nicht mehr ausscheiden können, überschwemmen diese Gifte das Gehirn, das deshalb seine Arbeit einstellt.

Der Flüssigkeitsverlust und damit die Überlebenschance ist abhängig von der Umgebungstemperatur. In der Wüste verdurstet ein Mensch schneller als in einer kalten Umgebung, wie nun etwa in Bam. Eine Rettung wie die des 57-jährigen Mannes nach 13 Tagen ist in der Medizingeschichte allerdings einzigartig. Als Rekord galt bisher der Fall eines 19-Jährigen, der nach einem Beben im März 1977 in Bukarest nach elf Tagen unter den Trümmern eines Hochhauses lebend geborgen wurde.

Mexiko

Jugend oder Alter scheinen beim Langzeit-Überleben unter Trümmern aber keine Rolle zu spielen. Im September 1986 wurde eine 75-jährige Frau zehn Tage nach dem Erdbeben im südgriechischen Kalamata gerettet, nachdem ihre Hilferufe von einem Passanten gehört worden waren. Und bei dem Erdbeben im September 1985 in Mexiko-Stadt wurden noch sieben Tage nach der Katastrophe 41 neugeborene Säuglinge lebend gefunden. Diese so genannten Wunderbabys hatten nur überlebt, weil ihr Stoffwechsel mit minimaler Leistung gearbeitet hatte und sie keiner all zu starken Auskühlung ausgesetzt waren.

Hilferuf

Internationale Organisationen riefen unterdessen zu weiteren Hilfen für die Überlebenden des Bebens auf. Die Bewohner von Bam seien auf weitere 42 Millionen Dollar (33,1 Mill. Euro) für Unterkunft, Nahrung und Gesundheitsversorgung angewiesen, erklärte die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften am Donnerstag. Ansonsten drohten neue Epidemien, hieß es in einer Erklärung von Föderationspräsident Juan Manuel Suarez del Toro. Schätzungen zufolge seien 75.000 Menschen bei dem Beben obdachlos geworden.

Auch die Vereinten Nationen riefen zu weiteren Spenden auf. Der UN-Untergeneralsekretär für Hilfseinsätze, Jan Egeland, bat im Namen von neun UN-Organisationen um 29,4 Millionen Dollar (23,2 Mill. Euro). "Wir brauchen diese Summe dringend, um in den kommenden drei Monaten die Grundbedürfnisse der Überlebenden zu decken", sagte Egeland auf einer Pressekonferenz in Bam. (APA/dpa)

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