Haitis zerstörte Hoffnung

9. Jänner 2004, 19:20
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Aristide misslingt der Wandel vom Armenpriester zum versöhnlichen Staatsmann

Port-au-Prince – Die Feiern zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit Haitis waren der Anlass, doch die Hintergründe für die jüngsten Proteste gegen Präsident Jean-Bertrand Aristide, bei denen am Mittwoch wieder zwei Menschen ums Leben kamen, liegen weit zurück. Der Konflikt zwischen der Opposition und dem ehemaligen Armenpriester wurzelt in den umstrittenen Parlamentswahlen vom Mai 2000. Der klare Sieg von Aristides Fanmi Lavalas wurde von der Opposition und internationalen Beobachtern angezweifelt. Seither sind die Institutionen des Karibikstaates gelähmt.

Das Ausland hat wegen fehlender rechtsstaatlicher Garantien seine Entwicklungshilfe für das ärmste Land der westlichen Hemisphäre eingefroren. Aristide, dem seine Gegner Machtmissbrauch und Korruption vorwerfen, gerät immer mehr unter Druck, seit sich auch enge Vertraute von ihm abwenden. Er hat baldige Wahlen versprochen.

Doch die sind unwahrscheinlich. Die zersplitterten Oppositionsgruppen, der vor allem Mestizen der traditionellen Elite Haitis angehören, klagen über Einschüchterungen und behaupten, in diesem Klima der Gewalt seien keine freien Wahlen möglich. Die Regierung wirft der Opposition vor, einen gewaltsamen Umsturz anzustreben.

Haiti ist nach den USA die älteste Nation Amerikas und vor 200 Jahren aus einem erfolgreichen Sklavenaufstand gegen die französische Kolonialmacht hervorgegangen. Das Land hat jedoch bis heute nicht zu politischer Stabilität gefunden. Seit dem Sturz der Duvalier-Diktatur 1986 beherrscht Aristide die politische Szene. Der Befreiungstheologe, der vor dem Umsturz flammende Predigten gegen die Diktatur hielt und knapp mehreren Attentaten entging, war einst Hoffnungsträger vieler Haitianer und des Auslands. 1990 wurde er zum Präsidenten gewählt.

Nach nur acht Monaten im Amt wurde Aristide durch Armeechef General Raoul Cedras gestürzt. Seine Anhänger wurden dahingemetzelt, Tausende Haitianer flüchteten auf behelfsmäßigen Booten in die USA. Dort gelang es Aristide, die haitianische Exilgemeinde und zahlreiche linke Intellektuelle und Journalisten für seine Interessen zu mobilisieren.

Washington hoffte, der charismatische Führer bringe endlich Stabilität auf die Insel vor der Haustür. 1994 organisierten die USA eine Militärintervention, die Aristide zurück ins Amt brachte – allerdings mit der Auflage, dass er sich nach Ablauf seiner Amtszeit 1996 nicht direkt wiederwählen lassen dürfe. Das befolgte Aristide zwar, doch zum Präsidenten machte er seinen Ziehsohn René Préval. Die Präsidentschaftswahlen im November 2000 gewann Aristide dann unangefochten.

Doch ähnlich wie dem venezolanischen Staatschef Hugo Chávez gelang auch ihm der Wandel vom Revolutionär zum Staatsmann nicht. Er spaltete, statt zu vereinen und Kompromisse zu suchen. Schwere Vorwürfe wurden gegen ihn und seine Anhänger laut: ungerechtfertigte Bereicherung, Verwicklung in den Drogenhandel, Mord an Oppositionellen. Haiti gilt mittlerweile als einer der wichtigsten Drogenumschlagplätze. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.1.2004)

von Sandra Weiss
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