In Kirkuk wird nicht nur mit Fahnenstangen gekämpft

8. Jänner 2004, 18:55
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In der Vielvölkerstadt bündeln sich die Probleme des Nachkriegsirak

Seit Monaten wird das Fußballstadion der nordirakischen Stadt Kirkuk zweckentfremdet. Auf dem Rasen kämpfen nicht zwei Mannschaften um sportliche Ehren, sondern 332 kurdische Flüchtlingsfamilien in den Garderoben, den Gängen und auf den Rampen ums Überleben. Jede hat sich notdürftig einen Raum hergerichtet. Alle verbindet das gleiche Schicksal. Während Saddam Husseins Arabisierungswelle wurden sie aus der Gegend vertrieben. Die meisten gingen in die autonomen Gebiete von Kurdistan. "Aber in Süleimaniya waren wir nur Menschen zweiter Klasse", klagt der "Dorfälteste" Mohammed. Deshalb kamen sie bald nach dem Krieg zurück.

UN-Hilfe fehlt

"Die Tatsache, dass die UN-Organisationen, insbesondere das Flüchtlingshilfswerk, nicht im Land sind, spüren wir schmerzlich", erklärt Hassib Rozbayani, der als Vizegouverneur das Büro für Rücksiedlung und Wiedergutmachung leitet. Insgesamt, schätzt Rozbayani, gibt es etwa 250.000 Vertriebene, davon 90 Prozent Kurden.

Dem Stimmengewirr im Regierungsgebäude, den Fahnen mit der gelben Sonne auf vielen Gebäuden und den Uniformen der Sicherheitskräfte nach zu schließen, ist Kirkuk heute eindeutig kurdisch geprägt. "Kurden, Turkmenen und Araber behaupten, sie hätten je 70 Prozent, nur die christlichen Assyrer halten sich etwas zurück. Wie die Gewichtsverhältnisse wirklich sind, wissen wir nicht", erklärt Emma Sky, die Vertreterin der US-Zivilverwaltung in der Ölstadt, 260 Kilometer nördlich von Bagdad. Ende 2004 soll eine Volkszählung Klarheit schaffen.

Am Hauptsitz der Front irakischer Turkmenen herrscht Aufregung. Unbekannte haben in der Nacht das neue Schild an einer turkmenischen Schule entfernt. Dass die Täter Kurden waren, ist für Subhi Sabir klar. "Mit solchen Sticheleien wollen sie uns provozieren", sagt der Vorsitzende der radikalen Turkmenen-Vertretung. "Nach Saddams Arabisierung findet jetzt hier eine Kurdisierung statt."

Gekämpft wird aber nicht nur mit Symbolen wie Fahnen und Straßenschildern. Seit Ende August kam es zu mehreren blutigen Zusammenstößen. Der vorerst letzte forderte am Silvestertag fünf Tote. Mehrere Tausend Araber und Turkmenen hatten vor dem Hauptsitz der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) gegen einen föderalen Irak protestiert, wie ihn die Kurden fordern. Beide Seiten beschuldigten einander, das Feuer eröffnet zu haben.

Hauptursache der Spannungen ist der Anspruch vieler Kurden, die Provinz Kirkuk in das seit 1991 autonome Kurdistan zu integrieren, das derzeit die Provinzen Dohuk, Erbil und Süleimaniya umfasst. Die kurdischen Rufe nach einem "Superkanton" wecken bei den Arabern und Turkmenen von Kirkuk Befürchtungen, eine Unterdrückung könnte durch eine andere ersetzt werden.

Großauftrag für Bechtel

Bagdad - Zwei Unternehmen mit Verbindungen zur US-Regierung haben einen Milliardenauftrag zum Wiederaufbau des Irak erhalten. Die kalifornischen Konzerne Bechtel National und Parsons hatten sich gemeinsam um die Instandsetzung von Strom- und Wasserversorgung, Straßen und Schulen beworben, teilte das Außenministerium in Washington mit. (dpa, AP, DER STANDARD vom 8.1.2004)

Astrid Frefel aus Kirkuk
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