Schnee treibt den Schweiß auf die Stirn

14. Jänner 2004, 09:33
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Die dichte Schneewolke über Wien wird aber bald leer geschüttelt sein, es wird wärmer

Wien - Der dritte Tag Schnee, der erste Arbeitstag nach den Weihnachtsferien - ein bisschen haben sich die Wiener und Wienerinnen schon daran gewöhnt, dass die Stadt unter einer weißen Decke ruht.

Aber die eiskalten Dendriten treiben den Autofahrern trotzdem österreichweit den Schweiß aus den Poren. Dabei sind sie unter dem Mikroskop oder an der Fensterscheibe betrachtet so schön, diese Eiskristalle. Trotzdem scheint, als wären viele überrascht, dass sie im Winter zu Boden rieseln. Weil es nämlich staut, weil es mehr Blechschäden gibt, weil die Straßenbahn nicht an den hängen gebliebenen Fahrzeugen vorbeikann. Und weil sogar am unterirdischen U-Bahn-Perron eine freundliche Automatenstimme vor Glatteisgefahr warnt.

1.500 werken

Fast 1.500 Arbeiter sind in Wien derzeit mit der schweißtreibenden Schneeräumung beschäftigt, davon rund 500 Tagelöhner. Sie stehen nur kurzfristig im Dienst der Stadt und müssen hauptsächlich Kreuzungen freischaufeln. Auch bei den Wiener Linien sind Tagesarbeiter im Einsatz, um Schienen schneefrei zu bekommen. Vor allem Weichen könnten unter der Schneelast umspringen, sagte eine Sprecherin der Verkehrsbetriebe. Dann drohe die Straßenbahn zu entgleisen. Die 9er-Bim war gestern, Mittwoch, deswegen stecken geblieben, auch bei der Linie 49 gab es Probleme wegen der weißen Massen. Überall hörten Fahrgäste Dauerdurchsagen der Wiener Linien wegen "unregelmäßiger Zugsfolgen".

Am Flughafen gab es geringe Verzögerungen wegen des Schnees. Bis zu fünfzehn Minuten Verspätung hatten Züge, die in der Ostregion unterwegs waren. Alles in allem, beteuert man bei den Bundesbahnen, mache der Schnee wenig Probleme. Sprecher Johann Rankl empfiehlt den Autofahrern ruhigen Gewissens, auf die Bahn umzusteigen, weil die rund 4.500 Züge auch bei Eisregen und Fahrbahnglätte problemfrei vorankämen.

Die Autofahrer sind derzeit mitunter gut hörbar wahrzunehmen. Sie fluchen, weil das Auto eingeschneit ist oder weil der Diesel nicht mehr vorglüht. Sie fluchen, weil die Batterie flachliegt und die Zündkerze versagt. Beim ARBÖ verzeichnet man viermal so viele Einsätze wie sonst üblich. Bis zu 300-mal pro Tag rücke man aus. Beim ÖAMTC hat man 60 Pannenhelfer im Dauereinsatz.

Nasse Aussichten

Bis jetzt sind in der Ostregion 35 Zentimeter Neuschnee gefallen. Die Schneewolke über Wien ist noch dicht, aber es dauert nicht mehr lang, und Frau Holle hat sie leer geschüttelt. In den nächsten Tagen erwarten die Meteorologen höhere Temperaturen und Regen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt dürfte sich der Absatz bei Schneeschaufeln und Sackerln mit Streusalz wieder auf das Normalmaß einpendeln. (aw/DER STANDARD, Printausgabe, 8.1.2004)

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